Wettbewerbsfähigkeit?

Das WEF schenkt uns wiedermal den “Global Competitiveness Report”. Yuhuu, auch 2010/11 ist anscheinend die Schweiz das wettbewerbfähigste Land der Welt. Anbei ein paar zufällige Fundstücke, die mir beim Lesen und mit dem Scatter Plot rummachen aufgefallen sind.

    Je besser die Eigentumsrechte, desto grösser die Staatsverschuldung
    Je grösser die Staatsverschuldung, desto grösser das Vertrauen in Politiker
    Bestes Land in Bezug auf Inflation: Zimbabwe
    An der Schweiz wird explizit im Report nur kritisiert, dass sie zu wenige Hochschulabsolventen hat, schlechte Plätze (schlechter als Platz 50) belegt sie bezüglich Accountability von Unternehmen (53), Schutz von Investoren (127), Staatsverschuldung (73), HIV Häufigkeit (89), Durchsetzung der Schulpflicht (je mehr Kinder hingehen, umso besser natürlich) (67), Kosten der Landwirtschaftspolitik (113), Zeitaufwand einer Unternehmensgründung (71), Handelsbarrieren (94)
    Die Schweiz belegt im Report Platz 4 in Bezug auf die Effizienz der Regierung (Verschwendung, Überreglementierung, Transparenz usw.). Gleichzeitig ist in einer im Report zusammengefassten Umfrage die überbordende Bürokratie das am häufigsten genannte Problem der Geschäftstätigleit in der Schweiz.
    Umso grösser das Vertrauen in die Politiker ist, umso wettbewerbsfähiger wird ein Land in der Studie eingestuft
    Qualität Managment Schulen Platz 1 : Qatar

    Extent of market dominance Platz 1 Deutschland. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich dasselbe darunter verstehe wie die Autoren des Reports, weil sie nirgends erklären, was das sein soll und wie es gemessen wird.

Und auf dem Titelbild ist aus unerfindlichen Gründen die Golden Gate Bridge, eine weisse Frau mit einem Reagenzglas und einem Bleistift, jemand, der mit einem Kugelschreiber auf einen Computerbildschirm schreibt und irgendwelche Parabolspiegeldinger, deren wahre Bedeutung hoffentlich nicht nur ich zu blöd bin, zu begreifen.

9 Kommentare:

  1. dha, 13. September 2010, 10:29

    Geschätzte Frau Hartmann,
    Ihre grundsätzliche Skepsis gegenüber Benchmarks und Rankings dieser Art teile ich voll und ganz. Definition, Messung und Gewichtung der Subindizes sind natürlich eine Sache für sich und wer einigermassen klar bei Verstand ist, wird dem Ergebnis nicht allzu viel Bedeutung beimessen.

    Gleichzeitig finde ich, dass man die Studie schon etwas genauer angeschaut haben sollte, ehe man zum frisch-fröhlichen Bashing ansetzt. So schneidet z.B. Zimbabwe punkto Inflation keineswegs am besten ab, so blöd sind die Autoren dann doch wieder nicht (vgl. S. 45).

     
  2. Julika, 13. September 2010, 12:58

    Tss, keine Ahnung, was Sie meinen. Ich habe im Beitrag extra gesschrieben, dass die Auffälligkeiten nicht nur beim Lesen des Reports, sondern auch beim interaktiven Rumspielen entstanden. So wird halt im interaktiven Report unter “best performing countries inflation” Zimbabwe genannt. Dass die Bestnote bezügl. Inflation Länder mit einer Inflation unter 3% und nicht deflationäre Länder erhielten, ist mir schon klar, aber keinen Deut besser. Nur, geb ich zu, war das mit Zimbabwe irgwendwie effektheisschender.

    Falsch lag ich zum Teil mit dem letzten Punkt, die Erklärung hab ich unterdessen gefunden und hatte ich auch so verstanden, Platz 1 Deutschland ist und bleibt dennoch geradezu absurd. Natürlich kann der Report da nichts dafür, aber das hab ich ja auch nicht gesagt.

     
  3. dha, 13. September 2010, 14:07

    Kein Problem, wir sind ja offenbar weitgehend einer Meinung, was den Nutzen dieser Studien betrifft. Aber ich mag mich nicht über die Autoren aufregen, denn die bedienen letztlich einen Markt (und geben sich durchaus Mühe, wie ich finde). Viel eher nerven Medien, welche die entsprechenden Ergebnisse unkommentiert weiterverbreiten, als wären sie der Weisheit letzter Schluss.

    Zu guter Letzt: Den Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Staatsverschuldung und Vertrauen in die Politiker finde ich durchaus interessant. Wahrscheinlich könnte man treffend über die Kausalität diskutieren.

     
  4. Julika Hartmann, 13. September 2010, 22:34

    lol, und ich reg mich immer gern auf, am ehesten über mich, also danke für die z.T. berechtigte Kritik. Ja, die Autoren geben sich wohl wirklich um einiges mehr Mühe als die “Journalisten”, die die Pressemitteilung abschreiben, aber das macht solche reports nur zu einer noch grösseren Verschwendung. Allerdings: Vielleicht gibt es irgendwo einen Politiker oder Bürokraten, der sich zurücknimmt, weil er gerne will, dass die CH auf Platz 1 bleibt… Aber ich bin ja schon wieder dabei, mich unnützerweise aufzuregen:-)

     
  5. météo, 25. September 2010, 1:39

    Wenn ein Land relativ liberaler als die meisten anderen ist (insbesondere weniger Steuern), geniesst es zwar einen Vorteil zu den anderen. Die Produkte, die dort hergestellt werden, können billiger verkauft werden, so konkurrieren die Betriebe dieses Landes die der anderen Länder nieder. Darüber hinaus ziehen viele wichtige Eigentümer von Kapital in dieses Land um, um weniger Steuern zu zahlen. Die Sache hat aber einen Haken. So ein Land geniesst diesen Vorteil nicht, weil es eine liberale Wirtschaft hat, sondern nur, weil es RELATIV zu den anderen liberalER ist. Es wirkt als Parasit für die anderen, sozialeren Länder. Wenn diese Länder aber ihre Politik ändern und gleich liberal werden, dann verliert das ursprünglich liberalere Land seinen Vorteil. Um ihn wieder zu bekommen, muss es noch liberaler werden, um es wieder mehr als die anderen zu sein. Die anderen können aber ihre Politik noch mal ändern. Etc… So gibt es ein natürliches Rutschen aller Länder Richtung immer weniger sozial (im Rahmen des freien internationalen Marktes).

    Und da kann es für Teile der Bevölkerung wirklich übel werden. Das ist am Anfang versteckt, denn solange es immer noch richtige soziale Länder als Konkurrente gibt, profitieren die noch wenigen liberalen Länder erheblich davon, und durch die von ihnen ausgeübte Plünderung sind diese Gesellschaften durchschnittlich weitaus reicher als sie in einem geschlossenen System wären, was die unmenschlichen Folgen des Liberalismus weitgehend deckt. Aber dieser “Erfolg” ist nicht verallgemeinbar, denn er basiert darauf, dass die anderen sozialer sind. Wenn nach hinreichend viel Zeit alle Länder sehr unsozial sind, da lassen sich die Auswirkungen des Liberalismus spüren, und zwar in den relativ weniger unsozialen Länder um so stärker, dass sie trotzdem immer noch einen Nachteil bezüglich der relativ noch unsozialeren haben.

    Oder, welchen Faktor habe ich vergessen, der gegen diesen Teufelkreis spielen würde?

    Solche Beispiele gibt es viele in der Natur, die eigentlich von blinden Gesetzen regiert wird, die überhaupt kein Ziel verfolgen, und total gleichgültig auf das Wohl der Lebewesen sind (dies gilt übrigens auch für die Regeln, die freie Märkte treiben).

    Beispiel in der Natur: Es ist vorteilhaft für die Bäume eines Waldes, wenn sie alle klein sind. Dann brauchen sie alle weniger Energie von der Sonne für ihre Erhaltung, und sie brauchen auch weniger Mineralen aus dem Boden, so dass der Boden weniger verarmt. Aber wenn ein Baum grösser als die anderen ist, kriegt er mehr Energie von der Sonne als die anderen (die anderen befinden sich teilweise in seinem Schatten), und er hat mehr Überlebenschancen als die anderen. Da grössere Bäume mit entsprechenden Genen korrelieren, werden die Gene der grösseren Bäume des Waldes durch die natürliche Auswahl selektiert. So wachsen die Bäume immer mehr von Generation zu Generation. Es bringt an sich keinen Vorteil, gross zu sein, im Gegenteil (mehr Energie-Bedarf, etc…), sondern es bringt ständig einen Vorteil, grösser als die anderen zu sein. Egal wie gross die Bäume schon sind. Es gibt einen Widerspruch zwischen dem allgemeinen und dem partikularen Interessen. So entwickelt sich der Wald durch die Naturgesezte in eine für ihn schädliche Richtung (schädlich im Sinne, dass die Bäume allgemein es im neuen Zustand schwieriger haben).

     
  6. Bleicke, 2. Oktober 2010, 12:36

    www.AnCaps.de ist online, eine Anarcho-Kapitalistische Communityseite! Kommt vorbei!

     
  7. freiheitistunteilbar, 2. Oktober 2010, 17:58

    Auf Julika würde ich mich besonders freuen. :-) ))

     
  8. suldan, 11. Oktober 2010, 16:56

    @météo
    Das klingt schon fast als wären tiefe Steuern das ultimative Instrument um die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft zu stärken oder zu festigen. Es ist wahrscheinlich auch jedem Hardcoreliberalen bewusst, dass mit zu grossem Sozialabbau die Wettbewerbsfähigkeit langfristig ebenso behindert wird, wie durch zu hohe Steuern. Dabei ist die Fitness einer Volkswirtschaft auch vom Erfolg dieser Gratwanderung abhängig.

    Mich macht vielmehr sauer, dass unsere Nachbarländer Unregelmässigkeiten in IHRER Staatskasse mit UNSERER Steuerpolitik in Verbindung bringen. Die einen wollen mit oder sogar vor 60 in Rente gehen, und die anderen geben Milliarden aus für zwei neue Bahnhöfe. Und beide können auf jeden Fall nicht behaupten sie hätten unmengen Geld in Bildung investiert, dass hat die Pisastudie gezeigt. Aber jetzt bin ich ein wenig vom ursprünglichem Thema abgewichen und gebe vorerst Ruhe.

     
  9. freiheitistunteilbar, 13. November 2010, 12:48

    @Suldan

    Überlasse den Asozialabbau und den Abbau des dadurch entstandenen Moral hazard nur den “Hardcoreliberalen,” die natürlich keine Parteiliberalen sein können.

    Ein Tip noch, das hier sind keine Neoliberalen. ;) Man ersetze die staatliche Wohlfahrt (Raub und Umverteilung) durch Tatsächliche, auf freiwilliger Basis. Das durch Fehlanreize entstandene Anspruchsdenken wird sich zumindest langfristig normalisieren. die Wettbewerbsfähigkeit profitiert von der ersten Sekunde an von diesen Maßnahmen.

    Ach übrigens, dieser météo ist ein Troll, ein ganz amüsanter übrigens. ;)

     

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