The Power of the Poor

Nach völlig absurden Fehlgriffen wie Al Gore und Barack Obama könnte der Friedensnobelpreis vielleicht ein wenig an Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, wenn er einmal an einem Mann vergeben würde, der wie nur wenige vor ihm offensiv ein Problem angegangen hat, das so viel Gewalt und menschlichem Elend zugrunde liegt: die Armut. Die Rede ist von Hernando de Soto, der peruanische Ökonom, der auf vielfältige Weise zeigt, welche enorme Kraft, welche Potentiale arme Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländer in sich tragen - wenn man sie nur lassen würde.

De Soto beschreibt in seinen Werken, wie arme Menschen systematisch durch staatliche Gesetzgebung und Bürokratie vom Markt ausgeschlossen werden, wie ihnen Eigentumsrechte verweigert werden, und damit jede Chance, aus eigener Kraft der Armut zu entkommen. De Soto zeigt weiter, wie arme Menschen mit grosser Energie und viel Einfallsreichtum diese staatliche Hürden umgehen, und es immer wieder schaffen, in einem grauen, “extralegalen” Bereich für sich und ihre Familien zu sorgen. Zu Recht weist de Soto also darauf hin, welche unglaubliche Menge an Kapital, vor allem auch Humankapital, verschwendet wird, indem unbewegliche Rechtssysteme sich nur auf die Bedürfnisse privilegierter “Insider” konzentrieren.

Diese Zusammenhänge hat de Soto nun in einer TV Dokumentation aufgearbeitet, die durch eine ungemein interessante Website begleitet wird: www.thepowerofthepoor.com. Unbedingt lesenswert ist hier etwa die Erklärung grundlegender Konzepte, wie Armut, Gesetz, Bürokratie, Kapital oder Merkantilismus.

De Soto war es übrigens auch, der den Internationalen Index der Eigentumsrechte (IPRI) ins Leben rief, dessen neueste Auflage vor wenigen Tagen publiziert wurde. Erneut zeigt der Index eindrücklich, dass sichere Eigentumsrechte eine notwendige Voraussetzung für wirtschaftlichen Aufstieg darstellt - wenn Menschen sich ihrer Eigentumsrechte nicht sicher sein können, können sie nicht sparen, nicht investieren - etwa in notwendige Maschinen oder die eigene Qualifikation. Sie können dann keinen Wohlstand akkumulieren, diesen auch nicht an die nächste Generation weiterreichen. Wirtschaftliche Entwicklung wird so verunmöglicht.

Der Wert der Arbeit, die durch Hernando de Soto geleistet wird, kann daher nicht hoch genug geschätzt werden. Während Al Gore basierend auf fragwürdiger Propaganda in die eigene Tasche arbeitet und Obama primär blumige Worte verteilt, zeigt de Soto handfeste Lösungen für das drängendste Problem der Menschheit auf. Auch das vielleicht gut gemeinte, aber letztlich nicht nachhaltige Engagement eines Muhammad Yunus für “Mikro-Kredite” an arme Menschen verblasst im Vergleich zu der viel wichtigeren und grundlegenderen Arbeit de Sotos. Natürlich ist de Sotos Botschaft aber auch unbequem - immer wieder zeigt er, dass es gerade der Staat ist, der systematisch Rechtsunsicherheit erzeugt und Eigentumsrechte unterminiert. Welcher Bürokrat hört das schon gerne? Auch rufen seine Lösungsvorschläge nicht nach mehr Intervention, “Entwicklungshilfe” oder Umverteilung, sondern setzen auf die Kraft und Energie der Betroffenen. Das bietet natürlich nur wenig Profilierungspotential für Politiker. Nicht zuletzt weist de Soto darauf hin, dass Eigentumsrechte nicht etwa der Bereicherung und den Privilegien der Bonzen dienen, im Gegenteil - diese kommen auch im marodesten, korruptesten Staat zurecht. Nein, sichere Eigentumsrechte sind das wichtigste Anliegen der schwächsten Mitglieder einer Gesellschaft, der Armen. Welcher sozialistische Gutmensch will das schon gerne hören?

De Sotos Botschaft ist also unbequem, sie ist radikal, sie ist liberal, sie ist schonungslos marktwirtschaftlich. Der Friedensnobelpreis dürfte also noch eine Weile auf sich warten lassen…

25 Kommentare:

  1. Markus, 27. Februar 2010, 13:17

    Also doch wieder nur: die glücklichen Armen?

     
  2. Christian Hoffmann, 27. Februar 2010, 16:33

    @Markus: Inwiefern glücklich?

     
  3. Warmduscher, 27. Februar 2010, 22:05

    Dazu gehört selbstverständlich auch das geistige Eigentum, denn sichere Eigentumsrechte sind eine notwendige Bedingung für wirtschaftlichen Aufstieg - wenn Menschen sich ihrer Eigentumsrechte nicht sicher sein können, können sie nicht sparen, nicht investieren - etwa in wissenschaftliche Erkenntnisse oder die eigene Qualifikation. Sie können dann keinen Wohlstand akkumulieren, diesen auch nicht an die nächste Generation weiterreichen. Wirtschaftliche Entwicklung wird so verunmöglicht.

     
  4. Christian Hoffmann, 28. Februar 2010, 0:43

    @Warmduscher: Ja sicher, das ist das dringendste Anliegen der peruanischen Slumbewohner: Ein Patent anmelden. Ich bitte dich. Das Gegenteil ist der Fall: Willkürliches “geistiges Eigentum” erschwert nur weiter den Umgang mit knappen physischen Ressourcen. Das ist also eine weitere Hürde, die Vater Staat den Armen in den Weg legt.

     
  5. Konstantin, 1. März 2010, 19:04

    Es geht ja nicht nur um die Patente an sich: es geht um das Recht, über sein geistiges Eigentum frei verfügen zu können. Wenn eine Grossfirma einem armen Erfinder ein Patent stehlen darf, muss der arme Erfinder arm bleiben. Ergo wird jeder Erfinder sein geistiges Eigentum eher verstecken als veröffentlichen und in einem innovativen Produkt vermarkten. Innovative Ideen werden geheim gehalten und Humankapital wird brach liegen gelassen - das ist dann die eigentliche Hürde, welche der Staat den Armen in den Weg legt.

     
  6. Markus, 3. März 2010, 0:01

    @ Christian

    Weil sie so arm sind und deshalb keine staatliche Hilfe benötigen, die erhalten ja andere:

    www.geldaristokratie.de

     
  7. Christian Hoffmann, 3. März 2010, 0:11

    Staatliche Hilfe brauchen sie nicht, weil die langfristig nur destruktiv ist. Vor allem aber brauchen sie keine staatlichen Behinderungen. Ein effizientes, faires Rechtssystem wäre das Entscheidende…

     
  8. Markus, 7. März 2010, 22:53

    Keine Hilfe zu bekommen, ist eine Behinderung. Oder gilt bei Liberalen etwa der glaubensfromme Grundsatz:”Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!”?

     
  9. Christian Hoffmann, 7. März 2010, 23:36

    @Markus:

    Keine Hilfe zu bekommen, ist eine Behinderung.

    Unsinn. Die Abwesenheit von Kälte ist nicht Hitze. Die Abwesenheit von Dummheit ist nicht Brillanz. Und die Abwesenheit von Hilfe ist nicht eine Behinderung.

    Hilfe ist ebenso wie Behinderung eine Aktivität - beide können ausbleiben, ohne dass dies einen Widerspruch darstellt.

     
  10. Urs Bleyli, 8. März 2010, 15:44

    Das Libinst.ch sollte den auch von mir sehr geschätzten Herrn de Soto mal einladen!

     
  11. Markus, 8. März 2010, 22:36

    @ Christian

    Immerhin wäre im vorliegenden Fall staatliche Hilfe für die unterprivilegierten Armen sinnvoll und möglich. Da fragt man sich, was Propagandisten des egomanisch-asozialen Liberalismus eingentlich antreibt? Keine Ahnung ;-) Aber wie man so wird, ist mir schon ziemlich klar: entweder aus Hochmut oder aus Frust. Die Hochmütigen können es eben nicht lassen, ihre ökonomisch begründete Machtstellung anderen gegenüber weitlich auszunutzen, und die Frustrierten haben die Nase voll von den gekauften Politikern.

     
  12. Christian Hoffmann, 8. März 2010, 22:42

    @Markus: Die Armen, um die es hier geht, sind nicht hilfebedürftig, sie sind nicht alt, krank oder behindert. Es sind talentierte, tatendurstige Menschen, denen man einfach nicht die Chance gibt, ihr Leben eigenständig zu gestalten. Es kann nicht die Lösung sein, die erzwungene Unmündigkeit dieser Menschen durch irgendwelche Transfers zu beschönigen, zu überdecken. Es ist nicht sozial, entmündigte Menschen mit einem Notgroschen ruhigzustellen. Worum es geht, ist ein System zu etablieren, dass allen Menschen dieselbe Chance gibt, ihr Können, ihre Energie einzusetzen und das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Es geht darum, kaputte Rechtsysteme zu berichtigen, die bisher nur die Privilegien der Mächtigen verteidigen. Das ist der einzige Weg zu sozialem Aufstieg und Wohlstand - nicht pseudo-soziale Subventionierungen. Vielleicht begreift das die Linke auch irgendwann einmal…

     
  13. Markus, 9. März 2010, 23:05

    @ Christian

    Wer arm ist, ist hilfebedürftig. Wieso das für manche Liberale partout mit staatlicher Entmündigung einhergehen soll, ist zumindest erklärungs-”bedürftig”. Aber wenn mit der “TINA”-Formel herumgefuchtelt wird, soll es wohl wieder einmal auf pauschales Staats-Bashing und ungenierte Reichtumspflege hinauslaufen. Alles, was Recht(s) ist!

     
  14. Christian Hoffmann, 10. März 2010, 0:24

    @Markus: Aus dieser Aussage spricht für mich nur Arroganz. Armut ist etwas anderes als Hilfsbedürftigkeit. Hilfsbedürftig ist wer einen Zustand X erreichen will, dazu aber selbst nicht in der Lage ist. Wer diese beiden Aspekte einfach beiseite wischt und arme Menschen per se für hilfebedürftig erklärt, entmündigt und infantilisiert sie. Arme Menschen sind nicht automatisch unfähig, sich selbst zu versorgen, sie können etwa nur noch nicht die richtige Möglichkeit dafür gefunden haben. Es ist sogar möglich, sich bewusst für “Armut” zu entscheiden, etwa als Aussteiger.
    Wer arm ist braucht also nicht primär “Hilfe”, sondern Freiheit, die Chance, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten - wie jeder andere auch.

     
  15. Markus, 10. März 2010, 21:45

    @ Christian

    Schön gesagt! Aber warum soll man den Armen deshalb den Boden finanziell ganz unter den Füßen wegziehen und dann sagen:”Sehr her, ihr seid jetzt frei. Macht was draus!”

    Im übrigen, selbst man wenn den Sozialstaat eindampft und der berühmt-berüchtigte liberale Nachtwächerstaat übrigbleibt, was ist damit eigentlich gewonnen? Die Reichen und Einflußreichen würden auch diesen Rumpf- und Reststaat versuchen zu usurpieren.

     
  16. Christian Hoffmann, 11. März 2010, 21:37

    @Markus: Die Armen, wie sie vor allem Gegenstand von de Sotos Bemühungen sind, haben finanziell keinen Boden unter den Füssen, sie bekommen diesen auch nicht unter die Füsse, weil ihre Rechte nicht gesichert werden können. Die Freiheit besteht also nicht darin, etwas wegzunehmen, sondern die Grundlage zu legen für den Aufstieg, also überhaupt erst eine faire Chance.

    Die Reichen und Einflußreichen würden auch diesen Rumpf- und Reststaat versuchen zu usurpieren.

    Es gäbe dann halt nicht viel zu usurpieren. Der Nachtwächterstaat ist ja minimal, er schreibt nur das notwendigste vor, er entmündigt nicht und enteignet nicht. Als Instrument der Bereicherung und Privilegienwirtschaft ist der Nachtwächterstaat also nicht geeignet. Damit der Staat aber ein Nachtwächterstaat wird und bleibt, bedarf es eines entsprechenden Freiheitsdrangs der Bürger (und ich würde sagen: eines entsprechenden Gerechtigkeitssinns, also einen Ethos der Gleichheit in Freiheit). Davon sind wir heute leider weit entfernt, heute herrscht der enthemmte Interventionismus und die schamlose Privilegienreiterei…

     
  17. Markus, 11. März 2010, 22:33

    @ Christian

    Das mag ja sein, daß es den Armen so schlecht geht, daß sie schon längst keinen Boden mehr unter den Füßen haben, weil dieser ihnen bereits weggezogen wurde. Nur von wem, möchte man da fragen? Wer hat sich diese unverschämte Freiheit genommen?

    Der Nachtwächterstaat soll doch wohl für Rechtssicherheit sorgen - man könnte freilich auch formulieren: die “Herrschaft der Reichen” sichern helfen -, damit nur keine Begehrlichkeiten aufkommen von seiten der Unterprivilegierten. Protest dagegen käme also einem Verfassungsbruch gleich! Solch ein “Ethos der Freiheit” scheint sich haargenau einzupassen in die Belange der Kapitalfreiheit.

     
  18. Spout, 12. März 2010, 11:52

    @ Markus

    Du beschreibst ein Worst Case Szenario, unter den es gar kein liberalen Nachtwächterstaat mehr geben würde, denn die meisten Bürger müssen natürlich der gleichen Moral folgen.

    Was sind Begehrlichkeiten? Eigentumszerstörung oder nur freie Meinungsäußerung? Ersteres muss natürlich bestraft werden. Egal von wem. Zweites muss beschützt werden.

    Ich will mich in einem Nachtwächterstaat endlich auch mal von korrupten Pseudeo Geschäftsmännern beschützt wissen, die heute als Kapitalisten angesehen werden. Ersetze Reiche mit Produktive und Herrschaft der Produktiven gibt es nicht, da sie keinerlei Macht besitzen, die Taten anderer Leute zu erzwingen. Und Leute, die “alles für Geld machen”, mache dies ja schließlich freiwillig und sind als dumm anzusehen. Nein, ein liberaler Nachtwächterstaat kann keine Dummheit beschützen :D

    Und nochwas, Unterprivilegierte kann es nur geben, wenn es auch (ungerecht) Privilegierte gibt.
    Ein solche Situation entsteht NUR da, wo der Staat in die Wirtschaft interveniert.
    Wer produktiv ist, dabei reich wird, ist NICHT privilegiert. Das kann ein jeder aus sozialpäd. psychologgenetisch biolog. blablalaba Sicht vielleicht anders sehen, aber das sind keine Kriterien für eine objektive Rechtsprechung. Alles andere wäre Willkür und m.E. kein liberaler Nachtwächterstaat mehr.

     
  19. Christian Hoffmann, 12. März 2010, 21:53

    @Markus:

    “Wer hat sich diese unverschämte Freiheit genommen?”

    Wichtiger ist vielleicht, wie: Mit Hilfe des Staates nämlich. Wie immer.

    Der Nachtwächterstaat soll doch wohl für Rechtssicherheit sorgen - man könnte freilich auch formulieren: die “Herrschaft der Reichen” sichern helfen -, damit nur keine Begehrlichkeiten aufkommen von seiten der Unterprivilegierten.

    Deine Argumentation ist an dieser Stelle hoffnungslos widersprüchlich. Der Nachtwächterstaat dient ja ausschliesslich der Durchsetzung gleicher Rechte für alle. Er minimiert also “Herrschaft” im Sinne eines willkürlichen Bruchs individueller Rechte.
    Wenn du aber unter “Herrschaft” nicht das, sondern ein Machtungleichgewicht zwischen Armen und Reichen verstehst, dann solltest du konsequenterweise erst recht für eine Minimierung des Staates eintreten, denn dieser ist immer ein Instrument der Privilegierung und Herrschaft für die Mächtigen (s.o.).

     
  20. Markus, 13. März 2010, 22:59

    @ Spout

    “Was sind Begehrlichkeiten? Eigentumszerstörung oder nur freie Meinungsäußerung? Ersteres muss natürlich bestraft werden. Egal von wem. Zweites muss beschützt werden.”

    Daß ich ironischerweise von “Begehrlichkeiten” der Armen sprach, zeigt aber bereits, wie sehr unser Denken vom “kapitalistischen Geist” geprägt ist. Man könnte auch von Begehrlichkeiten der Reichen sprechen, die sich zulasten anderer schadlos halten.

    “Ersetze Reiche mit Produktive und Herrschaft der Produktiven gibt es nicht, da sie keinerlei Macht besitzen, die Taten anderer Leute zu erzwingen.”

    Wie kommst du auf den Gedanken, reich und produktiv gleichzusetzen? Sind reiche Erben und Lottokönige etwa produktiv? Überhaupt, was soll “produktiv” genau heißen? Ist in deiner Sicht nur produktiv, was Geld einbringt? Wo ist das Börsengeschäft der Spekulanten (das nutzlos ist) aber produktiv und wo ist die unentgeltliche reproduktive Hausarbeit (die völlig unverzichtbar ist) nicht produktiv?

    @ Christian

    “Der Nachtwächterstaat dient ja ausschliesslich der Durchsetzung gleicher Rechte für alle. Er minimiert also “Herrschaft” im Sinne eines willkürlichen Bruchs individueller Rechte.”

    Selbst wenn es diesen “eigentumsgerechte” Nachtwächterstaat in der Realität jemals geben würde, wäre er ein defizitärer Staat mit einer halbierten Gerechtigkeit. Denn nichts würde dieser Schrumpfstaat machen gegen auch noch so große Reichtumshäufung auf der einen und Armutsansammlung auf der anderen Seite. Und wer zu glauben meint, daß wirtschaftliche Potenz nicht die unerhörte Tendenz hat, sich in gesellschaftliche Herrschaft und politische Macht zu transformieren, dem muß man entweder Naivität attestieren oder Böswilligkeit unterstellen.

    “Wenn du aber unter “Herrschaft” nicht das, sondern ein Machtungleichgewicht zwischen Armen und Reichen verstehst, dann solltest du konsequenterweise erst recht für eine Minimierung des Staates eintreten, denn dieser ist immer ein Instrument der Privilegierung und Herrschaft für die Mächtigen (s.o.).”

    Offenbar sprechen die gemachten Erfahrungen mit dem Sozial- bzw. Wohlfahrtsstaat eine andere Sprache. Warum sollte die Wirtschaftslobby und ihre liberalen Vordenker und Nachplapperer sich auch sonst so vehement für “Reformen” einsetzen?

     
  21. Christian Hoffmann, 14. März 2010, 0:55

    @Markus:

    Selbst wenn es diesen “eigentumsgerechte” Nachtwächterstaat in der Realität jemals geben würde, wäre er ein defizitärer Staat mit einer halbierten Gerechtigkeit. Denn nichts würde dieser Schrumpfstaat machen gegen auch noch so große Reichtumshäufung auf der einen und Armutsansammlung auf der anderen Seite.

    Umgekehrt wird ein Schuh draus: Ein Staat kann entweder Rechte schützen, oder umverteilen. Beides geht nicht - der umverteilende Staat muss immer die Rechte seiner Bürger willkürlich, nach Mass politischer Opportunität brechen.

    Reichtums- und Armutsanhäufungen sind aber ohnehin mehr ein Problem des Staates - hier werden z.B. die Staatsprofiteure bei den Banken reich, während in Unmündigkeit gehaltene Arbeitnehmer durch den Steuerstaat und Inflation in die Armut abrutschen. Auf einem freien Markt werden die Teilnehmer gemeinsam reicher, denn von einem Tausch profitieren immer beide Partner. Nur der Staat schafft Gewinner und Verlierer.

    “Und wer zu glauben meint, daß wirtschaftliche Potenz nicht die unerhörte Tendenz hat, sich in gesellschaftliche Herrschaft und politische Macht zu transformieren, dem muß man entweder Naivität attestieren oder Böswilligkeit unterstellen.”

    Umso wichtiger ist es, die politische Macht zu begrenzen und bekämpfen, nicht sie im Namen einer vermeintlichen Weltverbesserung endlos auszuweiten.

    Warum sollte die Wirtschaftslobby und ihre liberalen Vordenker und Nachplapperer sich auch sonst so vehement für “Reformen” einsetzen?

    “Die Wirtschaftslobby” gibt es nicht - da sind die Interessen nach Sektor und Unternehmen durchaus unterschiedlich. Aber natürlich versucht jeder sich im und am System zu bereichern. Dafür ist es ja schliesslich da.

     
  22. Konstantin, 14. März 2010, 16:47

    Es ist auch eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit: wenn die staatlich gestützten Banken ihren Managern immer fettere Boni auszahlen dürfen, während der durchschnittliche mittelständische Betrieb vom selben Staat und den Banken immer mehr geschröpft wird, dann ist das eine staatlich gesteuerte Umverteilung von arm zu reich. Diese Umverteilung zugunsten multinationaler Grosskonzerne verursacht auch die zunehmende Kluft zwischen relativ arm und relativ reich.

     
  23. Markus, 14. März 2010, 22:35

    @ Christian

    “Umgekehrt wird ein Schuh draus: Ein Staat kann entweder Rechte schützen, oder umverteilen. Beides geht nicht - der umverteilende Staat muss immer die Rechte seiner Bürger willkürlich, nach Mass politischer Opportunität brechen.”

    Wieder mal ein prima Statement, aber philosophisch abstrakt oder - wenn man so will: sophistisch verdreht. Wieso kann der Staat nur Rechte schützen oder umverteilen? Warum soll - mit Augenmaß und weniger Rigorismus - denn nicht beides gehen? Die Rechte (gemeint sind: die Eigentumsrechte) der Starken im gleichen Ausmaß zu schützen, führt zwangsläufig zu einer Benachteiligung der Armen. Und dies sowohl in unmittelbaren Verteilungsfragen als auch mittelbar durch dadurch verursachte wirtschaftliche Instabilitäten und nachfolgende soziale Verwerfungen.

    “Reichtums- und Armutsanhäufungen sind aber ohnehin mehr ein Problem des Staates - hier werden z.B. die Staatsprofiteure bei den Banken reich, während in Unmündigkeit gehaltene Arbeitnehmer durch den Steuerstaat und Inflation in die Armut abrutschen. Auf einem freien Markt werden die Teilnehmer gemeinsam reicher, denn von einem Tausch profitieren immer beide Partner. Nur der Staat schafft Gewinner und Verlierer.”

    Der heutzutage omnipräsente Lobbyismus in der Grauzone von Politik und Wirtschaft schafft Gewinner und Verlierer, die es so in der Sozialen Marktwirtschaft nicht gab:

    http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2010/maerz/drehtuer-lobbykratie
    Drehtür-Lobbykratie | Blätter für deutsche und internationale Politik

    Aber daraus flugs zu folgern, daß auf einem freien Markt die Teilnehmer gemeinsam reicher werden, da von einem Tausch immer beide Partner profitierten, läßt die Frage offen, was sich hinter dieser Leerformel und der Worthülse “reicher” verbirgt.

    Die “Mündigkeit” “vogelfreier Wirtschaftsuntertanen” in der “freien” Marktwirtschaft ist kaum höher einzuschätzen als die “Unmündigkeit” der Bürger im demokratisch verfaßten “Steuerstaat”, wo Veränderungen zum Besseren immerhin möglich sind.

    Klar, daß ein Wirtschaftsliberaler an diesem System kein gutes Haar lassen kann. Der geniale Analytikerr und scharfsinnige Kritiker der Demokratie, Alexis de Tocqueville, hat bereits im 19. Jahrhundert von dem Individualisten als einem Bürger gesprochen, der in seiner Gier nach materiellem Reichtum die Probleme der Gesellschaft vergißt.

     
  24. Spout, 15. März 2010, 13:51

    “Alexis de Tocqueville, hat bereits im 19. Jahrhundert von dem Individualisten als einem Bürger gesprochen, der in seiner Gier nach materiellem Reichtum die Probleme der Gesellschaft vergißt. “

    Immerhin ein Bürger mehr, der mich in Ruhe lässt

     
  25. Konstantin, 15. März 2010, 16:17

    Es ist ganz einfach: es braucht einige wenige “big laws”, die für alle gelten, damit sie in Freiheit, aber auch in Frieden miteinander leben können. Der freie Bürger hat ein Recht darauf, etwas “crazy” und nicht “der Norm entsprechend” zu sein. Problematisch wird es erst dann, wenn diese Individualisten in ihrem Freiheitsdrang die grossen Gesetze brechen und die Rechte anderer missachten. Wenn das geschieht, greift in der Regel der Staat ein mit seinen Vorschriften, Paragraphen und sonstigen Korinthen. If you break the big laws, you don’t get freedom, you don’t even get anarchy: you get the small laws. Gerade deshalb sollten die Liberalen darum besorgt sein, klare allgemein verbindliche Regeln - so stringent und einleuchtend wie die 10 Gebote - aufzustellen und für deren Einhaltung zu sorgen, damit man nicht Heerscharen an Anwälten und 1000-seitige Gesetzbücher braucht, damit Menschen in Freiheit und Frieden miteinander leben können.

     

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