Wieso unterdrücken Religionen (und Staaten)?
In der neusten Ausgabe des Magazins Skeptic (online leider noch nicht verfügbar) wird aus Sicht der Evolutionsbiologie (von Robert Kurzban und Peter Descioli) die Frage zu beantworten versucht, wieso organisierte Religion soviel Kontrolle über ihre Mitglieder ausübt. Die Antwort ist auch für sogenannt liberale Gesellschaften von Interesse, die Dinge verbieten, die niemandem schaden, und dann dafür gelobt werden, dass sie es dem anderen mal so richtig gezeigt hätten.
Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass die meisten Organismen (in einem beschränkten Sinne) geradezu Superliberale sind. Sie schert es einen feuchten Dreck, wenn andere etwas tun, das ihnen keinen Schaden zufügt. Wenn das Verhalten anderer die eigene Fortpflanzungsmöglichkeit nicht bedroht oder erhöht lohnt sich ein Eingreifen nicht. Wieso sind Menschen dann dennoch so daran interessiert, die Handlungen anderer (moralisch) zu verurteilen, auch solche, die der eigenen Fortpflanzungsmöglichkeit nichts wegnehmen? Die Standardantwort der Evolutionsbiologen ist, dass Handlungen verurteilt werden, die zwar nicht die eigene, jedoch die Fitness der Gruppe beeinträchtigen. Das erklärt aber nicht, wieso wir Akte ohne Opfer und ohne Schaden moralisch verurteilen, deren Verbot demnach niemandem nützen kann oder wieso wir Akte, die der eigenen Fortpflanzungsmöglichkeit nützen (z.B. Homosexualität) verurteilen. Wieso ist Religion so oft im business der Unterdrückung harmlosen Verhaltens?
One possibility is that religions are like bullies. One feature of bullying is that attacks are often made for no reason aside from the ease of attacking the target. Such attacks can be used to establish dominance, or, at least a reputation as someone to be feared and obeyed (…). By forcing obedience in trivial matters - even harmless ones - religious leaders establish a reputation for punishment that allows dominance in more meaningful aspects of life. In this view the content of rules is relatively arbitrary. What is important is that there be a lot of rules that there are many opportunities to dominate.
Gerade die Tatsache, dass Religionen wie bullies die Schwachen, also vor allem Nichtmitglieder oder marginalisierte, wehrlose Gruppenmitlieder wie Mädchen und Homosexuelle zu unterdrücken suchen, sei ein Indiz für oben genannte These.
A related idea is that enforcers of moral rules, such as religious leaders, have an incentive to generate rules that can be selectively used against enemies. Individuals who have the power to use instruments of a corporate entity to attack others serve their interests by generating rules that can be applied to whomever they designate whenever they want, the costs defrayed by using the instruments of the corporate entity.
Man ersetze einfach Religion durch Staat und religöse Führer durch Politiker (oder Volk) und voila.

Dumm nur, dass Islamisten die grössten “Bullies” sind, gerade was Frauen, Homosexuelle und andere Randgruppen angeht. Die Eidgenossenschaft hingegen fördert die Gleichstellung von Mann und Frau sowie Toleranz gegenüber Homosexuellen. Was ist also aus liberaler Sicht besser: eine zunehmend islamisierte Schweiz oder eine, die auf unserer verfassungsrechtlich garantierten Freiheit beruht?
Was ist also aus liberaler Sicht besser: eine zunehmend islamisierte Schweiz oder eine, die auf unserer verfassungsrechtlich garantierten Freiheit beruht?
Hm, was ist mir lieber die Hölle oder der Himmel? Die Frage kann ich nicht beantworten, da es sich in beiden Fällen um ein Hirngespinst handelt.
Schau, mir geht es um die Frage, wieso wir Verhalten sanktionieren, das niemandem schadet und nicht um das konkrete Beispiel. Der Schweizer Staat und die Islamische Religion dienen eben diesem Zweck. Dass erstere das z.T. (noch) in geringerem Umfange tut als letzterer ist natürlich zu begrüssen.
Die Genealogie der Moral von Nietzsche besagt, dass moralische Urteile auf Sanktionen beruhen, die einst von den Mächtigen ausgeübt wurden. Alle Religionen, die auf bestimmten Moralvorstellungen basieren, bestehen dem gemäss nur aufgrund von Zwängen und Machtdemonstrationen aus früheren Zeiten. Das Problem dieser Ansicht beginnt da, wo man Moral im Allgemeinen als reines Konstrukt bestehend aus Zwängen ansieht. Wo beginnt Verhalten, das “niemandem schadet” und trotzdem sanktioniert wird? Bei Mord vielleicht? Bei Diebstahl? Ist es möglicherweise legitim, einen Milliardär zu bestehlen, um dadurch dem Hungertod zu entgehen? Ist es auch noch legitim, wenn man in der selben Situation einen Bettler bestiehlt? Und lassen sich aus solch einer Ansicht noch allgemein verbindliche Werte wie bspw. Menschenrechte, Gleichstellung von Frau und Mann, Demokratie etc. überhaupt noch legitimieren? Das sind die Fragen, die sich bei mir stellen.
Organisierte Religionen haben recht banale Ziele: Geld und Macht. Also Kontrolle. Kein Instrument ist wirksamer in der Ausübung von Kontrolle, als Angst. Menschen haben viele Urängste, auf die Religionen (vermeintliche) Antworten liefern - v.a. in Hinblick auf Tod und Jenseits.
Der Kontrolle entgegen stehen aber die Triebe. Darum sind Religionen so oft triebfeindlich. Wenn Menschen einfach ihren Trieben nachgehen, sind sie im wahrsten Sinne des Wortes unkontrolliert, enthemmt. Also müssen Religionen Triebe stigmatisieren, moralisch verurteilen.
Ganz verboten werden kann Sex dabei natürlich nicht, schliesslich muss der Mensch sich fortpflanzen. Aber man kann zumindest fordern, dass er keinen Spass macht. Sex um des Sex willen (aus Spass, Liebe oder Zuneigung - aber nicht mit dem ausdrücklichen Ziel der Vermehrung) ist darum Tabu (Verhütung, Homosexualität).
All dies trifft wohlgemerkt auf nicht-organisierte Religionen, wie den Hinduismus oder Buddhismus viel weniger zu.
Bei Sex geht es evolutionsbiologisch gesprochen um Fortpflanzung. Das Sexleben der peripheren Gruppen wird deshalb von den Alpha-Tieren eingeschränkt, damit die Alpha-Tiere sich allein fortpflanzen können. Nicht ohne Grund sind die Alpha-Tiere unserer Gesellschaft sexuell sehr erfolgreich, während sie umgekehrt die Sexualmoral der Unterschicht einschränken wollen.
Papst Benedikt als Alpha-Tier