Ergänzung: Geistiges “Eigentum”
Weil’s so gut dazu passt: Sheldon Richman hat einen klasse Beitrag über geistiges “Eigentum” bei FEE. Darin stellt er fest, dass geistiges “Eigentum” eben kein Eigentum ist, sondern lediglich eine Beeinträchtigung der Eigentumsrechte Anderer:
There is another way to look at IP, but it is even harder to square with traditional property rights. When one acquires a copyright or a patent, what one really acquires is the power to stop other people from doing certain things with what is indisputably their own property. One can say that a copyright holder doesn’t actually own anything but the legal authority to stop other people from using their own equipment to copy a book or CD they purchased. And one who holds a patent on the widget actually only has permission to call on the state to stop others from manufacturing and selling widgets in factories they own.
Daher kann ich auch seiner Schlussfolgerung nur zustimmen:
In other words, the free society and competitive economy require an end to intellectual “property.”

Gehört es nicht zu den Grundcharakteristika des Eigentums im allgemeinen, andere von dessen Nutzung ausschliessen zu können?
Es ist doch ein Unterschied, ob A B davon abhält, das Eigentum von A zu verwenden (echtes, physisches Eigentum), oder ob A B davon abhält, das Eigentum von B zu verwenden (geistiges “Eigentum”).
Ersteres sorgt dafür, dass Menschen auf Grundlage von klaren Regeln und Unterscheidungen friedvoll miteinander kooperieren können. Letzteres sorgt für Unübersichtlichkeit, Konflikte, Chaos, Überwachung und Zwang. Ersteres liegt im Herzen der Ziele des Liberalismus, letzteres widerspricht gänzlich dem Ziel einer freien und friedvollen Gesellschaft.
“Gehört es nicht zu den Grundcharakteristika des Eigentums im allgemeinen, andere von dessen Nutzung ausschliessen zu können? ”
Nein, es ist nur ein notwendiges jedoch eben nicht HINREICHENDES Merkmal.
Die Einzigartigkeit von Objekten ist es, die hier noch fehlt: Nur wenn etwas einzig ist, kann es einen Eigentümer haben. Dingliche Objekte sind per se einzigartig (das heißt jedoch nicht, dass man sie nicht gedanklich/strukturell zu größeren Gruppen zusammenfassen kann, oder auch in der Benennung Gruppen bildet). alles, was dinglich ist, ist einzigartig, weil es nur es raumzeitlich einen Platz füllt.
Aus dem Merkmal der Dinglichkeit/Einzigartigkeit folgt dann auch die Rivalität: Nur einer kann etwas konkret innehaben, denn das konkrete Ding ist nur einmal vorhanden.
Unter “Geistigem Eigentum” müsste man nach Ansicht der Vertreter dieses Konstrukts das “Anrecht auf bestimmte Information(smuster)” sehen (dazu gehören eben Copyright, Patente usw.), welches höherwertig wäre als das Anrecht auf die in den Informationen/Informationsmustern vorhandenen Objekte.
Diese Ansicht hätte als Konsequenz zur Folge, dass das Anrecht auf Objekte (Eigentum) durch ein “Anrecht auf Muster” vollkommen beeinträchtigt und zerstört würde, da niemand mehr mit SEINEN Objekten (seinem Eigentum) verfahren könnte wie er wollte, weil ja jemand anderer das “höherwertige Anrecht auf Muster/Information” beanspruchen und behaupten könnte, in seinem “Geistigen Eigentum” verletzt zu werden.
Das Merkmal der Rivalität gibt es natürlich bei Informationen/Informationsmustern per definitionem nicht, weil sich Muster beliebig vervielfältigen lassen.
… und daher habe ich von den Grundcharakteristika im Plural gesprochen.
Man verstehe mich nicht falsch: Ich verteidige das Konzept des geistigen Eigentums nicht. Ich bezweifle bloss, dass eine semantisch-legalistische Argumentationsweise erfolgversprechend ist angesichts der Generationen von Juristen, die sich bereits damit befasst haben, das Konstrukt wasserdicht zu machen.
Im übrigen sollten auch Liberale Menschen in Kommentaren mit ihrem vollen Namen zu ihren Aussagen stehen.
Die obige Definition zerstört zugleich den Mythos des materiellen Eigentums. Die Milch gehört dann der Kuh, andere natürliche Ressourcen gehören niemandem. Erst die Begriffe der Aneignung und der Herstellung können aus dem Begriff des Eigentums Sinn machen, und dies schliesst geistiges Eigentum mit ein. Man muss sogar sagen, dass materielles Eigentum ein Spezialfall von geistigem Eigentum ist.
@Christian: Naja, man muss ja geistiges und physisches Eigentum semantisch/definitorisch trennen, um deren Vor- und Nachteile abwägen zu können
@Warmduscher: Das würde stimmen, wenn die Kuh ein Rechtssubjekt wie der Mensch wäre. Obwohl die Kuh sich dann natürlich auch zuvor ihr Futter aneignen muss.
Es ist dabei nicht so sehr die Aneignung oder Produktion, die von Bedeutung ist, sondern die Abgrenzung. Durch die Abgrenzung oder Markierung wird ein ursprünglich besitzloser Gegenstand in Eigentum überführt und steht dann der weiteren Bearbeitung bzw. dem Tausch zur Verfügung. Der Menschen erzeugt ja z.B. keine Rohstoffe oder kein Land, er eignet sie sich dennoch durch einen eindeutigen Rechtsakt an.
Eben diese Abgrenzung ist bei geistigem “Eigentum” nicht möglich. Wenn ich ein Lied höre und es auf meinem Klavier nachspiele, welches eindeutig mir gehört, dann nimmt mir das geistige “Eigentum” von X an dem Lied plötzlich die Verfügungsrechte über mein Eigentum. Echtes Eigentum und geistiges “Eigentum” schliessen sich daher sogar gegenseitig aus.
Stephen Kinsella hat auch ein schönes Pamphlet verfasst in dem die Argumente für geistiges Eigentum dargelegt werden.
Und für diejenigen, denen 70 Seiten zu viel sind gibt es auch eine Kurzfassung beim Mises Institut oder mit vielen Anmerkungen im Journal of Libertarian Studies
Das ist eine unzulässige Vermischung von philosophischer und juritischer Argumentation. Wohl eher könnte man behaupten, dass der Kuh die Milch nicht gehört, weil ihr die Begrifflichkeit, etwas für sich in Anspruch zu nehmen, fehlt. Hier zeigt sich aber gerade, dass gerade das Geistige die notwendige Bedingung für die Deklaration ist, dass etwas mir/dir etc. gehört.
Es spielt keine Rolle, ob man das Abgrenzung oder Aneignung oder Diebstahl nennt. Wesentlich ist der Akt der Deklaration, dass etwas mir gehört. Man kann dann Gründe dafür anführen (”ich habe es gekauft, getauscht, gestohlen, aufgeschrieben, bearbeitet, erfunden” etc.) - dies alles im Rahmen unserer kulturellen Prägungen, welcher Grund legitim ist und welcher nicht.
Ich verstehe den Relativsatz in diesem Beispiel nicht. Was sind denn nun die Kriterien dafür, dass das Lied C. H. gehört und nicht dessen Erfinder?
@Warmduscher:
Ja sicher, letztlich ist ja auch jeder juristische Akt ein kommunikativer. Ohne gemeinsame kommunikative Kapazitäten gibt es daher auch keine Gleichberechtigung.
Natürlich ist es eine Frage der intersubjektiven Abkommen, was als legitim akzeptiert wird und was nicht. Der liberale Ansatz der Eigentumsgenerierung hat dabei den grossen Vorteil, dass er grundsätzlich intersubjektiv anerkennbar ist (oder auch: der goldenen Regel entspricht). Keine andere Eigentumsordnung kann das m.W. für sich in Anspruch nehmen.
Die Unterscheidung zwischen Deklaration und Produktion ist dabei dennoch bedeutsam. Nicht alles was von X produziert wird, geht automatisch in sein Eigentum über, das erfordert einen entsprechend anerkannten deklarativen Akt.
Das ist die falsche Frage. Das Lied ist eine Idee und gehört darum niemandem. Wenn ich das Lied spiele und dies auf Tonband aufnehme, dann gehören vielleicht die Tonbänder mir. Wenn aber jemand anderes das Lied auf seinen Tonbändern aufnimmt, habe ich kein Anrecht auf dessen Bänder.
Jetzt bricht die Debatte offen aus - dank Sheldon Richman:
http://dominikhennig.blogspot.com/2009/06/jetzt-bricht-die-debatte-zum-geistigen.html
Ich verstehe nicht ganz, was Sie hier sagen wollen.
Wenn Sie mir erklären könnten, was Ihr Ansatz überhaupt ist, könnte ich Ihnen folgen. Mir ist erstens der Begriff der Abgrenzung nicht klar, zweitens weiss ich nicht, was die Kriterien für Eigentum sind und drittens kann ich die goldene Regel auch auf meinen Ansatz anwenden: Ich will nicht, dass jemand meine Ideen klaut, also klaue ich die Ideen der anderen auch nicht.
Ich sage ja, dass die Deklaration das Entscheidende ist. Das Problem der Milch der Kuh oder der geklauten Idee bleibt unabhängig von der unterscheidung zwischen Deklaration und Produktion bestehen.
Ich habe Mühe zu verstehen, warum meine Idee niemandem gehören sollen, die Milch der Kuh aber nicht der Kuh. Insbesondere sind die materialisierten Exemplifikationen von Ideen (Noten, Tonträger, Bücher) Vervielfältigungen der Idee, welche (in Ihrem Jargon) durch meinen deklarativen Akt von anderen Ideen abgegrenzt werden, damit mein Eigentum sind und der weiteren Bearbeitung und dem Tausch zur Verfügung stehen. Das gilt spez. für kulturelle Güter: Kann ich geltend machen, dass jemand meine Idee geklaut hat, handelt es sich rechtlich eben um DIebstahl.
Bei natürlichen Gütern ist es etwas komplizierter. Man kann nicht geltend machen, dass jene Genkombination, die ich entdeckt habe, mir gehört, v.a. weil natürliche Ressourcen grundsätzlich niemandem gehören.
Ergänzung zum letzten Zitat: Dass ein Lied eine Idee ist und darum niemandem gehört, ist ja zuerst zu zeigen. Das Argument ist eine petitio principii: Geistiges Eigentum (bzw. eine Idee) gehört niemandem, weil geistiges Eigentum (bzw. eine Idee) niemandem gehört.
@Warmduscher: Die liberale Eigentumstheorie kennt, wie gesagt, drei Formen der legitimen Eigentumsaneignung: Ursprüngliche Aneignung, Produktion und Tausch. So entstehen eindeutige Rechte an Dingen, welche widerspruchsfrei sind. Wenn sich A einen besitzlosen Rohstoff aneignet, gehört dieses Objekt ihm und nur ihm. Wenn er aus ihm gehörenden Rohstoffen ein Produkt erzeugt, gehört dieses auch eindeutig nur ihm. Und schliesslich, wenn er das Produkt gegen ein anderes tauscht, gehört auch dieses wieder ausschliesslich ihm. In jedem Fall hat er das volle Verfügungsrecht über das Objekt.
Dies beinhaltet einen entscheidenden Unterschied zum kommunistischen Ansatz, bei dem Objekte allen gehören. Damit hat niemand ein eindeutiges, widerspruchsfreies Verfügungsrecht über Objekte.
Das Konzept des geistigen “Eigentums” widerspricht ebenso der goldenen Regel einer universellen Anwendbarkeit. Ich nannte bereits ein Beispiel: Wenn X ein Recht an einem Lied reklamiert, ist damit plötzlich mein völlig legitimes Verfügungsrecht an einer von mir erstellten Platte eingeschränkt, wenn ich darauf dieses Lied einspiele. Selbst wenn ich das Lied selbst geschrieben haben sollte, aber einfach etwas später als X, wäre ich entsprechend entrechtet. Warum widerspricht also geistiges “Eigentum” dem Anspruch einer universellen Anwendbarkeit? Weil Ideen nicht abgrenzbar, aber beliebig vermehrbar sind.
Ideen lassen sich darum auch nicht “klauen”. Wenn ich eine Idee nutze, die jemand anderer schon zuvor hatte, ist dessen Kapazität, die Idee zu nutzen in keiner Weise eingeschränkt.
Welches Problem? Die Kuh deklariert ihre Milch nicht als Eigentum ergo hat sie keines. Die Idee wiederum lässt sich nicht fassen und nicht abgrenzen und kann darum nicht als Eigentum deklariert werden.
Ich sagte ja, dass diese Exemplifikationen, weil sie Objekte sind, klar abgrenzbar oder markierbar und somit als Eigentum beanspruchbar sind. Das Buch, die Platte etc. können jemandem gehören und gestohlen werden: Wenn ich dein Buch nehme, hast du das Buch nicht mehr. Die dem Objekt zugrunde liegende Idee dagegen ist nicht abgrenz- oder markierbar, sie kann auch nicht gestohlen werden.
Kurzum: Es ist ein gewaltiger und folgenschwerer Irrtum die Theorie (und das Recht) des Eigentums auf Ideen anzuwenden. Die staatliche Umsetzung eines geistigen “Eigentums” führt auch übrigens immer unweigerlich in den Überwachungsstaat, denn beim geistigen “Eigentum” muss immer kontrolliert werden, was die Menschen mit ihrem tatsächliche Eigentum tun - sie könnten ja jederzeit damit die Idee eines anderen Nutzen. Die Idee des geistigen Eigentums ist mit einer liberalen Staatskonzeption unvereinbar: Die Ordnung des echten Eigentums sorgt dafür, dass Menschen sich selbst überlassen werden können und eigenverantwortlich miteinander tauschen können. Einfach weil physische Objekte eindeutig einem Eigentümer zugeordnet werden können. Geistiges “Eigentum” dagegen braucht immer einen Schiedsrichter, der mehr oder weniger willkürlich entscheidet, wann jemand nun eine Idee, die von jemand anderes reklamiert wird, auf eine falsche Weise verwendet.
Es wird höchste Zeit, dass alle Liberale dies begreifen und sich vom unseeligen Konstrukt des geistigen “Eigentums” verabschieden.
Ergänzend @Arnes Link zum Text von Kinsella hier noch eine weitere Leseempfehlung (deutlich kürzer als Kinsella): “An Individualist Anarchist View of ‘Intellectual Property’” über Benjamin Tuckers Sicht der Dinge: Link (PDF)
Und genau darum ist es auch vermessen im Falle des “Klaues” von Bankdaten von einem “Diebstahl” zu sprechen. Haha!
Das Beispiel zeigt aber auch recht schön, wie intellektuelle Erzeugnisse ganz ohne geistiges “Eigentum” geschützt werden können, denn natürlich ist der “Diebstahl” der Bankkundendaten eine Vertragsverletzung und darum ein Verbrechen. Nicht weil die Daten das “Eigentum” der Banken wären…
Damit ist nichts darüber gesagt, ob es geistiges Eigentum geben kann oder nicht. Und natürlich müsste man nach Ihrer Logik auch das Kopieren und Downloaden von “intellektuellen Erzeugnissen” verfolgen und bestrafen, weil es sich um eine Vertragsverletzung handelt. Mit der blossen Verschiebung der Terminologie ist nichts gewonnen.