Ein wenig kurzsichtig?

Wie das Handelsblatt berichtet, haben sich vier Volkswirte (ausgerechnet) der US-Zentralbank, der Federal Reserve, auf die Suche nach den Ursachen der Finanzkrise gemacht:

Die Forscher konzentrieren sich auf eine Frage: Warum hat es die Marktteilnehmer so überrascht, dass so viele der in den Jahren 2005 und 2006 vergebenen Subprime-Hypotheken geplatzt sind?

Also gut, so richtig um die “Ursache” ging es dann wohl doch nicht. Entsprechend banal fallen die Erkenntnisse aus:

 Die Ökonomen haben unter anderem die folgende Erklärung für die Fehleinschätzung der Ausfallrisiken überprüft: Die Qualität der Hypotheken hat sich nach und nach verschlechtert, und die Investoren haben das nicht bemerkt.

Aha, das ist dann wohl der Grund, warum es durchaus auch umsichtige Banken gab, die sich rechtzeitig aus dem Hypotheken-Monopoly zurückzogen, oder wie? Nein, nicht ganz, denn der Bericht fährt fort:

Der entscheidende Fehler lag woanders. Sämtliche Beobachter schätzten die Entwicklung der Immobilienpreise viel zu rosig ein. Pessimisten rechneten zwar damit, dass sich die Preisanstiege verlangsamen. Dass Häuser aber tatsächlich billiger werden, hielt die große Mehrheit die Marktbeobachter quasi für ausgeschlossen.

Zu grosser Optimismus - das soll nun also die offizielle Erklärung für eine Finanzkrise von historischen Dimensionen sein?

 Alles in allem stützt die Studie die Sicht des Yale-Ökonomen Robert Shiller. Dieser macht im Kern psychologische Faktoren wie überzogenen Optimismus für die Krise verantwortlich. „Die Hauptursache ist die menschliche Natur“, sagt Shiller. „Wir haben uns von den steigenden Immobilienpreisen einfach davontragen lassen.“

 Nun fehlt wirklich nur noch ein Satz zur inhärenten Instabilität der Märkte oder ein ähnlicher Unsinn. Die hier zitierte Studie ist meines Erachtens nur eine weiteres trauriges Kapitel im aktuellen Versagen der Mainstream-Ökonomie. Offenbar ist man vor lauter Bäumen (oder endlosen Datenreihen) nicht mehr in der Lage, den Wald (oder systematische Zusammenhänge) zu erkennen. So bleibt den vor lauter “Fakten” verwirrten Forschern letztlich nur noch die Flucht in unbeweisbare und ungreifbare Hypothesen, wie die der irrationalen menschlichen “Natur”.

Dabei legt die Darstellung des Handelsblatts ganz andere Schlussfolgerungen nahe:

Hätten Banken, Ratingagenturen und Käufer der Wertpapiere, die mit diesen Krediten besichert waren, die Ausfallrisiken nicht so krass unterschätzt, wäre es nach Ansicht der Fed-Ökonomen nicht zu einer Krise dieses Ausmaßes gekommen. Denn wer damit rechnet, dass ein Schuldner in Zahlungsschwierigkeiten gerät, leiht ihm nicht ohne weiteres Geld – zumindest nicht ohne Sicherheiten und nicht zu günstigen Konditionen.

Dabei scheinen die Fed-Ökonomen zu übersehen, dass weiche Währungen rationale Wirtschaftssubjekte zu immer riskanteren Anlageformen treiben - schliesslich muss der durch die Druckerpresse ausgelöste Wertverlust irgendwie wieder kompensiert werden. Nach dem Platzen der Tech-Blase suchte etwa das ganze billige Fed-Geld verzweifelt nach hochrentablen Anlagevehikeln - und in der Hypothekenblase fand es sie. Dieses Anlageverhalten sagt genau nichts Neues über die menschliche “Natur” aus, aber sehr viel über die Verantwortungslosigkeit der staatlichen Zentralbanken.

Ein weiterer Punkt: Die Bailout-Könige von der Fed hatten den Marktteilnehmern wiederholt signalisiert, dass sie grössere Pleiten an der Wall Street nicht zulassen würde (was sich ja dann übrigens auch im aktuellen Fall wieder bestätigt hat). Die Fed erzeugte also einen massiven “Moral Hazard”, der selbstverständlich zu einer enorm gesteigerten Risikobereitschaft führte. Auch hier wieder keinerlei Anzeichen von psychologischen Defiziten, sondern vielmehr eines handfesten Politikversagens.

Angesichts dieses himmelschreienden Versuchs der Fed, sich von aller Schuld rein zu waschen, bleibt es nur noch eine Fussnote, dass scheinbar weder die Fed-Ökonomen noch das Handelsblatt verstehen, dass die Banken massive politische (!) Anreize hatten, riskante Hypotheken zu vergeben. So stellt der zitierte Artikel verwundert fest:

 Die Ökonomen haben unter anderem die folgende Erklärung für die Fehleinschätzung der Ausfallrisiken überprüft: Die Qualität der Hypotheken hat sich nach und nach verschlechtert, und die Investoren haben das nicht bemerkt. Tatsächlich sind die Anforderungen an die Schuldner in den Jahren 2005 und 2006 spürbar gesunken. So stieg zum Beispiel der Anteil der Kredite, bei denen die Einkommensverhältnisse nicht geprüft wurden, von 20 Prozent im Jahr 1999 auf 35 Prozent im Sommer 2006.

Ja sowas…

Alles in allem: Ein trauriger Fall von Junk-Science und völlig unkritischer Berichterstattung. Die aktuelle Finanzkrise ist und bleibt auch eine Krise der Volkswirtschaftslehre und der Wirtschaftsberichterstattung. Aufklärung und Sachverstand waren nie nötiger, als heute!

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