Alte Tante mit frischem Make up
Wer jetzt die Website der NZZ aufsucht, erlebt eine gelungene Überraschung: Sie ist von Grund auf neu gestaltet worden und auf den ersten Blick recht gefällig. Zudem lässt sie Kommentare auf Artikel-Ebene zu (natürlich moderiert). Gerade die Kommentare zur Neugestaltung haben es allerdings in sich: Sie scheint nicht zu gefallen. Tatsächlich etwas mühsam ist die Navigation in der Kopfzeile, was bei der Lektüre zu überflüssigem Rollbedarf führt. Man wird sehen …
Ich weiss zwar noch immer nicht genau, was Web 2.0 beinhaltet, aber es ist tröstlich, dass das bei der Alten Tante ähnlich ist. Eine Schnittstelle zu Blogs sucht man vergeblich (vom NZZ Votum mal abgesehen), und wir wissen noch nicht, ob die “permanenten Links” auf die Artikel wie gehabt nach 30 Tagen wieder in der Versenkung verschwinden. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Jedenfalls bewegt sie sich, die Alte Tante, und das ist erfreulich!

Das Problem ist: Blogs werden viel stärker gehyped als ihre tatsächliche Nachfrage es zulassen sollte. Eine repräsentative Umfrage der W3B hat ergeben, dass unter allen deutschsprachigen Internetnutzern gerade mal 4 Prozent regelmässig Weblogs lesen. Die meisten davon sind vom sozialen Profil her “Computerfreaks” - und nicht die breite Masse. Im Gegensatz zu den USA sind hierzulande Weblogs also kein Massenphänomen. Es könnte durchaus sein, dass Weblogs im deutschsprachigen Raum floppen werden.
Was nun folgt ist eine massive Überschätzung von Weblogs: weil das Geschäft in Amerika boomt glauben, alle deutschsprachigen Mainstreammedien, dass es in Europa genauso kommen müsse. Infolgedessen zeigt sich eine Web 2.0 - Hysterie, mitunter sogar unbegründeten Panik vor der angeblichen “Macht” der Blogosphäre, die alles umwälzen könnte. Der Versuch der Printmedien (20Min, heute und nun auch NZZ), im Web 2.0 - Geschäft mitzufunken, ist Ausdruck dieser völligen Überschätzung der Blogosphäre.
Der Schweizer Internetnutzer ist naturgemäss kein Blogger: Blogger sind selbstbewusste, kommunikationsfreudige Personen und entschlossene Individualisten, die sich nicht davor scheuen, eine “spezielle” Meinung zu haben. Der Schweizer hingegen ist wortkarg, leute- und gruppenhörig, stets auf Konsens bedacht, und neigt dazu, dem Mainstream nachzurennen. Ja es ist sogar so, dass Schweizer aus lauter Demokratiegläubigkeit mit Minderheitsmeinungen gar nicht umgehen können. Das Schweizer Naturell widerspricht dem Profil des Bloggers. Darum sind auch kaum Kommentare auf der NZZ-Seite.
Es wundert mich deshalb gar nicht, dass die NZZ-Leser sich über die neue Website beschweren. Die Schweizer sind mit Web 2.0 überfordert und möchten auf Web 1.0 bleiben. Die ganzen Funktionalitäten wie RSS, Blogs, Kommentare - da ist doch der durchschnittliche Schweizer vor dem PC überfordert. Infolgedessen kommt der Schweizer mit der Funktionalität nicht zurecht und bemängelt dann das Design bzw. die Usability.
Web 2.0 wird vom Internetnutzer häufig als Designschwäche interpretiert. Ich kenne das ja von meiner Website. Da wird die Kommentarfunktion sogar als störend empfunden, und es kommt nicht selten vor, dass unsere Leser anfragen, was für einen Sinn es macht, Websiten zu kommentieren, zu bloggen etc.
Internetkommunikation und Schweizer - das passt nicht zusammen!
Die einzige Lösung wäre die “Umerziehung” deutschsprachiger Internetnutzer zur Blognutzung via Mainstreammedien, damit die Blogosphäre nicht ganz ausstirbt. Doch gerade die Medien erkennen das Problem nicht - weil sie nur rüber in die USA gucken, wo Blogs etwas ganz anderes sind und wo auch eine ganz andere Kultur herrscht. Die haben das Gefühl, die Blogosphäre sei stark oder gar übermächtig - und verzichten deshalb auf Bekanntmachung/Bewerbung des Web 2.0 - Prinzips via Print. Pech für sie, wenn dann sogar die hauseigenen Web 2.0 - Gehversuche zum Scheitern verurteilt sind. Das kommt davon, wenn man Einfluss von Weblogs und geistige Mobilität des Internetnutzers überschätzt.
Also ich hab mir die neue Website mal angesehen und sie hat eine verblüffende Ahnlichkeit mit “derstandard.at”. Auf den ersten Blick erscheint mir “derstandard.at” komplizierter gestaltet.
Die NZZ hingegen hält sich wenigstens an eine Form. Links die “Front-Artikeln”, rechts alles anderes. Auch das mit den Kommentaren, schlicht und einfach.
Ich denke, könnte klappen! Alles braucht seinen Anlauf. Find’ das neue Auftreten auch wirklich frisch und durch die Kommentare nicht mehr so “nur für Akademiker”.
Ausserdem scheint die NZZ nun endlich Ihre Seite nicht auf eigene Kosten zu betreiben. (Stichwort: Werbung)
@ Konstantin
In allen Ehren Ihr technisches Know-how, aber Ihre Seite bietet im Vergleich zu Ihren Funktionen, fast keinen Inhalt. Also ich fühle mich dort verloren.
Aber das ist meine Meinung!
Der Inhalt kann noch so gut sein: Wenn die Ladezeiten so langsam sind, wie bei der neuen NZZ Online, wird jeder wegklicken.
Seltsam, von diesen Ladezeiten habe ich auch schon gehört - bei mir funktioniert die Site sehr fix. Benutzt Du (noch) IE?
Zu viel Funktionalität schadet der Website: Funktionen brauchen Inhalt und damit auch eine aktive Benutzercommunity, die den Inhalt generiert. Ist diese aktive Community nicht vorhanden, dann bleibt die Funktionalität ungenutzt und der Benutzer “kommt sich verloren vor”. Ich bleibe dabei: der Schweizer Internetnutzer ist mit RSS, Weblogs und dergleichen überfordert. Er weiss nichts damit anzufangen, wenn die Seite noch leer steht. Es gehört nicht zur Schweizer Kultur, initiativ zu sein und als erster das Wort zu ergreifen. Da sind uns die Amerikaner mit ihrem Hang zu Selbstdarstellung einiges voraus. Darum ist Web 2.0 auch in Amerika sehr erfolgreich und in Europa überhaupt nicht.
Eine in Finanzkreisen beliebte Faustregel besagt, dass es rund 10 Jahre dauert, bis eine neue Entwicklung von New York nach Zürich kommt (und nochmals 10 Jahre für die Strecke von Zürich nach Vaduz, habe ich mir sagen lassen). Ganz so apodiktisch wie Konstantin würde ich die Chancen für das, was Web 2.0 beinhaltet, also nicht sehen wollen, insbesondere wenn ich mir so ansehe, was in Frankreich, UK oder Spanien abgeht.
Konstantin, Ihre These hingt, die Schweiz ist berühmt für Ihr Referendum, so viel zum Thema erstes Wort ergreifen.
F, UK und E ..hm..
*nachdenk*,
der Franzose (Träger der franz. Revolution, das Nein zur EU-Verfassung, Jugendkrawalle, Problem der Kolonien + Kritik zur Eurostärke des derzeitigen Staatspräsidenten),
der Engländer (behält seinen Pfund und dieser ist stark im Kurs + Regierungswechsel),
der Spanier (wünscht einen spanischen EU-Aussenminister - was dem Engländer wieder nicht passt, + Spanien und Polen schlossen sich mal zusammen um im EU Parlament nicht als minder aufzutreten)…
… und seit ein paar Monaten hat Euronews ein Forum zur Diskussion eröffnet. n-tv macht fast täglich Umfragen…
…von daher ist da einiges im Gange.
Vorlaut sein gehört nun mal nicht zum Naturell des Schweizers. Ein kurzer Auszug aus Wilhelm Tell:
Stauffacher: Wir könnten viel, wenn wir zusammen stünden.
Tell: Beim Schiffbruch hilft der Einzelne sich leichter.
Stauffacher: So kalt verlässt ihr die gemeine Sache?
Tell: Ein Jeder zählt nur sicher auf sich selbst.
Stauffacher: Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.
Tell: Der Starke ist am mächtigsten allein.
So zeigt sich, wie die Schweizer gerne der Revolution entsagen.
Gegen die heissblütigen Spanier, die französischen Nonkonformisten und die eigensinnigen Briten kommt der Schweizer mit seiner verschlossenen Art nunmal nicht an. (Die Briten wollen ja nicht mal zu Kontinentaleuropa dazugehören). Kulturelle Differenzen sind entscheidend!
Und von einem historisch-technologischen Determinismus auszugehen ist bei einer Markteinschätzung ohnehin ein schwerer Fehler. Sonst gäbe es heute Mini-Discs, High-8-Videorecorder, statt goggeln würde man “yahooen” und Worldcom wäre die grösste Firma der Welt…
Die Fabelfigur „Wilhelm Tell“ dürfte von Ihren Aeusserrungen nicht sonderlich erfreut sein, denn soweit ich mich an das Stück erinnere, war es Wilhelm Tell, der sich geweigert hat den Hut des habsburgerischen Landvogt zu grüssen. Soviel zu Ihrem Auszug.
Fakt ist, was ich zumindest in Habichtsburger-Biographien gelesen habe, dass die Habichtsburger immer Probleme bei den Kämpfen gegen die „Eidgenossen“ gemeldet haben. Somit nehme ich nicht an, dass die sich freiwillig ergeben haben, sonst gäbe es vielleicht heute keine CH, sondern brav Ihre Meinung verteidigt haben.
Und das Argument sollte nun mal endlich sitzen, die CH hat gegen die EU abgestimmt, oder gehört die CH seit neuestem der EU an? Blödfrag?
Laut Plattentektonik tun sies ja auch nicht die Briten, oder? Hat man da nicht mal Kontinentalberechnungen durchgeführt und herausgefunden, dass die britische Insel sich zunehmenst vom Festland Europa entfernt?
Der historisch-technologische Determinismus besteht ja bereits teilweise. Ich weiss nur nicht, ob Ihnen aufgefallen ist, dass jede Firma ihr letztes high-tech-Produkt versuchen wird zu toppen, da kanns schon leicht passieren, dass die Sache floppt.
Aber im Bereich „eine Frau umwerben“, muss ich Ihnen wahrlich Recht geben, Herr Konstantin, damit ist der CHer schlicht und einfach überfordert.
Nein, ein technologischer Determinismus ist a priori nicht gegeben. Die Diffusion (Ausbreitung neuer Ideen innerhalb der Gesellschaft) verläuft in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich. Auch gibt es Ideen, die in einem Land erfolgreich sind und in einem anderen nicht. Da könnte man die Japaner mit.
Es ist arg zu bezweifeln, ob der Schweizer Markt für die Blogosphäre geeignet ist: nur magere 4 Prozent aller Internetnutzer der Schweiz lesen Weblogs(!!). Die Schweiz hat ca. 5 Mio. Einwohner und nur 2/3 davon haben Internetanschluss. Geht man von einem Markt von 2-3 Mio. Internetnutzern aus, besteht das Marktpotential aus gerade 80′000-120′000 Lesern. (Das ist ungefähr die Leserreichweite einer kleinen Regionalzeitung). Und dann muss man sich noch vorstellen, dass diese Nachfrage noch von mehreren Anbietern geteilt wird…
Dieser Winzlingsnachfrage steht ein Überangebot von tausenden Weblogs gegenüber. Täglich entstehen aber 60′000 neue Weblogs, die auf Technorati registriert werden. Man kann es sich selbst ausrechnen: Ein Weblog, das auf dem Schweizer Markt von 10 Nutzern regelmässig besucht wird, ist damit bereits im obersten Marktsegment vertreten! Da zeigt sich mal, was für ein hartes Pflaster die Blogosphäre ist
Der technologische Determinismus ist von der Realität meilenweit entfernt!
Und nun dazu, was das Ganze mit der Schweizer Kultur zu tun hat:
Die Schweizer haben für alles etwas länger. Selbst zu Alfred Eschers Zeiten war die Schweiz von sich aus kein moderner, innovativer Staat: die grossen Pioniere der Schweiz haben lediglich Ideen übernommen, die sich bereits im Ausland bewährt haben und diese dann auf die Schweizer Kultur übertragen. Und die Durchsetzung dieser Ideen mussten sie sich erst noch hart erkämpfen!
Die Schweiz hat auch nicht Nein zur EU gestimmt, weil sie einen anderen innovativen Weg gehen will - sondern weil die Schweizer immer erst mit 5 Jahren Verspätung das nachmachen, was die Deutschen machen.
Wäre die Schweiz “aufmüpfig”, dann hätte sie schon lange ein bilaterales Freihandelsabkommen mit den USA geschlossen oder andere sinnvolle Alternativen zum EU-Beitritt gewählt. Stattdessen erleben wir einen “autonomen Nachvollzug” europäischer Regeln und immer neue bilaterale Abkommen mit immer grösseren Zugeständnissen an die EU. In Wirklichkeit ist es keine Gegensteuer, sondern eine verlangsamte Gleichschaltung.
Und selbst die EU-Beitrittsgegner sind - bei aller Sympathie - doch nur die Apologeten des Status Quo.
Die liberale Gegenreform gilt jedoch als unschweizerisch.
Natürlich funktioniert die Ausbreitung neuer Ideen verschiedenartig, wäre ja auch langweilig. Aber Gesetzmäßigkeiten gibt es allemal. TV, PC, Handy, Autos, Bücher (Harry Potter …), Serien. Die Raumfahrt z.B. kann sich nicht leisten von 10 verschiedenen Ländern 10 verschiedene Schnittstellen zu bedenken.
Wie schon mal erwähnt das CHer-Völkchen lebt auf seinem Ländchen. Dem einem mags nun nicht innovativ erscheinen, der andere widerum geniesst die Stille.
Und ganz klar ist für mich, dass die eigenen Rechte verteidigt werden. Ganz einfach. Das Argument, der Deutsche als Vorbild, das ist genau als würden Sie sagen der Engländer hat den Franzosen zum Vorbild. Passt wie die Faust aufs Auge.
Ich für mich betrachte die Schweiz als “Minderheit”, die auf dem europäischen Kontinent lebt und Ihren eigenen Lebensstil pflegt. Finde ich vollkommen in Ordnung. Wäre ja auch noch schöner. Und da es die geographische Lage nicht anders zulässt, gibt es eben alle möglichen EU-Verträge.
Dass Ihnen das nicht passt, ist ja nicht der CH Ihr Problem, oder? (Eine Stimme alleine?)
Mich würde allerdings interessieren, weil Sie “Alternativen” in der Mehrzahl verwenden und nur ein Freihandelsabkommen mit den USA erwähnen, was die anderen Punkte wären, die die CH laut Ihnen tun sollte?
Well, wie wäre es mal, wenn man stattdessen der NAFTA beitreten würde oder China und die asiatischen Märkte in ein gemeinsames Vertragswerk einbinden würde. Die rein defensive Haltung der EU-Gegner halte ich für wenig konstruktiv. Ich bin sogar der Meinung, dass diese Position keinesfalls dauerhaft beibehalten werden kann. Zu klein ist das Land und zu unbedeutend ist die Schweiz im internationalen Kontext. Ich bin da eben ein Realist und sehe ein, dass eine rein passive Abwehrhaltung wenig Vorteile bringt. Stattdessen sollte die Schweiz selbstbewusster und offensiver in der Aussenpolitik agieren. Die EU wird von den USA nicht anerkannt; die Schweiz jedoch schon. Warum diesen Umstand nicht ausnützen, wo wir ja ohnehin schon von der EU unter Druck gesetzt werden?
Ich bin halt nun mal einer, der Fotschritt und Innovation befürwortet statt reaktionär auf dem Status Quo zu beharren. Die SVP ist gegen die EU und für den Stillstand. Ich gehe aber einen Schritt weiter: ich bin gegen die EU und für den Fortschritt. Deshalb sehe ich, obgleich auch ich kein Linker bin, das Engagement von Bundesrätin Doris Leuthard und teilweise auch das Engagement von Frau Calmy-Rey durchaus positiver als die strammen (fast hätte ich gesagt sturen) Rechtskonservativen. Man sollte in neuen Entwicklungen nicht immer nur die Gefahr, sondern auch die Chance sehen.
Klar kommt jetzt wieder die Ausrede, “der ist doch mit seiner Meinung allein.” Letzten Endes aber liegt es im Interesse der Gesamtbevölkerung, sich entweder gegen die EU durch multilaterale Verträge abzusichern oder aber draussen zu stehen und sich alles von der EU alles diktieren zu lassen - und am Ende womölich trotzdem der EU beitreten zu müssen, weil es keine anderen Zukunftsperspektiven gibt. Ich denke eben nunmal voraus, statt rückwärtsgewandt. Ist es falsch, die Dinge logisch zu Ende zu denken?
Sicher nicht. Ausser in der Politik, denn da spielt Logik und höhere Vernunft bekanntlich eine untergeordnete Rolle…
Auffallend: Der Aufbau des Web-Auftritts der “Times” hat den Designern der NZZ wohl geholfen…