Lehrerinnenreport Teil IV
Letztens hat meine erste Klasse die eidgenössische Wirtschaftsmatur bestanden, und das, obwohl ich die eine Hälfte des Unterrichts damit verbringe mich laut zu fragen, wieso sie jetzt genau den Scheiss können müssen, die andere Hälfte damit zu sagen, dass ich die Hälfte des Lehrbuches zwar für Abfall halte, sie den aber bitte lernen sollten, weil die Prüfer das so hören wollen. Ich bin zum Glück grossteils davon befreit Keynes zu unterrichten (macht der Geschichtslehrer, er bezeichnet sich selbst als sozialliberal, darf er aber als Germanist, Berufskrankheit) oder die Globalisierung und Ökologie (macht der Geolehrer, einer, der mal auf Bäumen im Urwald zeltete, damit sie nicht abgeholzt werden), deshalb haben sie alle die Aufgabe an der Matur folgende Kariaktur zu interpretieren im Sinne des Fragers beantwortet (bei den Weltkugeln handelt es sich übrigens um Firmen und nicht Länder, man muss darauf kommen, weil sie ja von einem Arbeiter betrachtet werden, aber egal, Hauptsache man antwortete, die Kleinen seien den Grossen dank der Globalisierung ausgeliefert).

Mir ist es zwar immer noch nicht klar, wie es kommen konnte, dass ich plötzlich Teilzeit-Gymilehrerin (an einer Privatschule wohlbemerkt) bin, aber es gefällt mir verdammt gut. Frage an Euch: Kennt ihr Deutsche Texte, die ich im Unterricht brauchen kann, um Schulbuchweisheiten (Wie bekämpft man Arbeitslosigkeit? Tipp Nr. 1: Die Arbeit auf mehr Leute aufteilen) ein wenig zu konterkarieren. Ich lese regelmässig aus David Friedman, Der ökonomische Code und Bastiat, Was man sieht. Das wäre so das obere Limit.
Any tipps?

Als Berufskollege schlage ich mich mit den gleichen Dingen herum wie Du, fällt mir auf. Zu Keynes empfehle ich den NZZ-Artikel “Die Mär vom Wirtschaftsstimulus Fussball-WM” (26.05.06; wird wohl anlässlich der EM in der Schweiz wiederholt…) und zum Thema Aufteilen der Arbeit empfehle ich ein Robinson-Crusoe-Modell: Robinson fischt einen Fisch pro Tag und teilt ihn mit Freitag (Achtung Diskriminierung; kann auch umgekehrt werden
). Damit Freitag aus der Arbeitslosigkeit kommt, fischt jetzt Robinson nur noch am Vormittag und Freitag am Nachmittag. Resultat? Eben. Beliebg ausbaubar: öffentliche-Güter-Problematik, Motivation und Entlöhnung, Berechnung des BIP und der Produktivität - you name it. Viel Spass!
Was mich nervt, ist, dass die Studenten immer alles ankurbeln wollen. Ich glaube, im neuen Semester gibts bei mir jedesmal eine Note Abzug, wenn jemand das Wort “ankurbeln” gebraucht…
Habe übrigens gerade gesehen, dass Brunetti ein neues VWL-Buch für die Schweiz geschrieben hat. Muss mir das mal ansehen, denn diesbezüglich liegt schon Einiges im argen.
kon|ter|ka|rie|ren [frz. contrecarrer] (bildungsspr.): hintertreiben, durchkreuzen: eine Politik, jmds. Maßnahmen k.
Da könnte die Spieltheorie Abhilfe schaffen.
Vielleicht interessant bezüglich Überlebensstrategien der Firmen ist das Folgende:
http://www.neuronomic.ch/uploads/media/MilgromAndRoberts95.pdf
Bezüglich dem Konzept der optimalen Betriebsgrösse (ein Killer-Argument gegen die Dogmen der Globalisierungsgegner!) empfehle ich F. A. von Hayek:
http://arvo.ifi.unizh.ch/ddisold/Teaching/SozOek/securePDF/Hayek_1945.pdf
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Da werden einige Faktoren aufgelistet, weshalb ganz grosse Fische genauso suboptimal sind wie ganz kleine. Mit diesem Argument könnte man die Bedeutung der Economies of Scale im globalisierten Umfeld etwas entkräften.
(In der obigen Zeichnung fehlt übrigens der grosse Schwarm kleiner Fische, die wiederum den ganz grossen fressen würden.)
Oh danke vielmals für die Vorschläge!
Und ich hab das Wort falsch geschrieben, obwohl ich es im Duden nachgeschlagen hatte. Man mache mir das mal nach. Es ist eben durchaus mit Bedacht gewählt, denn ich bin mir eigentlich nie sicher, wieviel von meiner Meinung ich ihnen antun kann, ohne sie fürs Leben zu verderben. Ich versuche immer sehr ausgegelichen an Themen ranzugehen, lade SP-Exponentinnen oder Marxisten zu Vorträgen ein, weise auf alternative Ansichten hin usw, aber muss ich das überhaupt, wenn sie eh schon von überall her vollgemüllt werden, oder müsste ich nicht viel missionarischer ans Werk gehen?
@Konstantin
Danke vielmals, aber bist Du sicher, dass es ok ist, wenn Du das PW hier postest? The use of knowledge nehmen wir gerade in Wirtschaftsethik (also ich war erstaunt ob der Wahl) durch, ich hab den Artikel also eh.
Das Problem ist, dass das Volk noch viel zu oft von Vorurteilen gegenüber Konzernen gesteuert wird. Dabei ist Grösse sicher nicht alles, was den Erfolg einer Firma ausmacht. Wäre Grösse der einzige Faktor, der zählt, wäre eine schnell wachsende Firma wie bspw. die WorldCom sicher nie Pleite gegangen.
Es braucht deshalb sicher einige Aufklärungsarbeit und es ist sicher auch nicht falsch, dieses Wissen einer grösseren Öffentlichkeit zugänglich zu machen anstatt es ihr vorzuenthalten. Letztlich sind es ja gerade wir Liberalen, die Schaden davon nehmen, dass die grosse Masse in Unwissenheit gehalten wird und nicht weiss, wie die Wirtschaft funktioniert.
Die Unwissenheit der Masse macht sie anfällig für weltfremde Rhetorik aus sozialistischen und konservativen Parteien. Weil das Volk nur wenig von Wirtschaft versteht, gelingt es den Liberalen nicht so gut, Wähler zu mobilisieren, wie den simpler gestrickten Sozialisten - obwohl liberale Politiker häufig professioneller und fachlich besser qualifiziert sind als die sozialistische Konkurrenz.
Das Passwort muss wohl gelöscht werden. Dennoch plädiere ich sehr dafür, dass wir Liberalen dem Volk reinen Wein einschenken statt ihm unser Wissen vorzuenthalten. Wer die bessere Einsicht hat, darf sich nicht scheuen, unpopulär zu werden.
Hi Julika. Wenn ich mich nicht irre, liest Du ja ohnehin eigentümlich frei - in älteren Ausgaben hatte Blankertz darin eine schöne Kolumne, in der er gängige Irrtümer wirtschaftlicher Natur aufklärte. Zur Zeit schreibt Thorsten Boiger ein kleines, aufklärerisches Lexikon von A bis Z (z.B. Arbeitslosigkeit, Bildung, Geld etc.)
Grundsätzlich sind alle Schriften - Artikel und Bücher - von Baader prima geeignet, gängige Dummheiten zu widerlegen.
Schön hier auch das neue Buch von Habermann: Richtigstellung. Ein polemisches Soziallexikon
http://www.capitalista.de/product_info.php?products_id=981001313&XTCsid=e26cb0e069683f2dea3ce51cb7883385
Und zu guter Letzt eine nette Geschichte von einem Deiner Kollegen
http://www.mises.org/story/2207
“Später ist Hans Biedermann durch den natürlichen Lauf der Dinge gezwungen, den Preis seines Produktes um einen Franc zu senken, also verwirklicht er keine Ersparnis mehr” – Was man nicht sieht: Er wird seinem verbliebenen Arbeiter nun einen tieferen Lohn zahlen.
Der Klassiker (ist sogar kindgerecht), wenn die Sozialisten wieder mal den Unternehmer dämonisieren:
Der Glieder Streit mit dem Magen
——————————
Die Glieder fingen an, den Magen
Mit diesen Worten zu verklagen:
Da liegt er auf der Bärenhaut,
Tut nichts, als daß er nur verdaut,
Sich stets mit Speis und Trank erquicket
Und was ihm übrig, von sich schicket;
Wir aber sorgen Tag und Nacht,
Ihm seine Nahrung zu gewinnen;
Ei! Sind wir dann nicht wohl bei Sinnen
Auf, laßt uns ihm den Dienst entziehn!
Er mag hinfort sich auch bemühn
Und seine Nahrung selbst erwerben,
Wo nicht; so kann er Hungers sterben;
Was haben wir vor Dank davon?
Was gab er uns vor einen Lohn?
Nun gnug, es heißt in diesem Falle,
Für sich ein jeder, Gott für alle!
Hiermit bewegte sich kein Glied,
Es ward dem Mund und armen Magen
Kein Essen weiter fürgetragen,
Der Leib bekam kein frisch Geblüt
Und konnt’, aus Schwachheit und für Beben,
Nicht Haupt noch Fuß und Hand erheben.
Da merkten erst die Glieder an,
Daß der, der ihnen müßig schiene,
Dem ganzen Körper besser diene,
Als ihre Müh bisher getan,
Und ihnen allen heilsam wäre;
Wenn man ihn, wie zuvor, ernähre.
So müssen auch der Obrigkeit
Die Untertanen alle dienen;
Weil sie dafür hinwieder ihnen
Schutz, Unterhalt und Ruh verleiht.
Der Magen lebt zwar durch die Glieder;
Doch er ernährt und stärkt sie wieder.
Auch als Angehöriger der Uni Zürich und Präsident des Studentenrings sollten Sie bitte nicht auf eine Quellenangabe verzichten. Auch wenn der Mann schon seit 250 Jahren tot und die Vorlage gemeinfrei ist, dürfte man seinen Namen aus Respekt erwähnen. Danke!
Für Julikas Unterricht,
zwei literarische Tips:
In meinem Büchlein “Lob des Non-Zentralismus” zitiere ich Kurt Tucholskys Satire “Die Zentrale”.
Ein herausragender literarischer Text gegen jede Form der geistigen und politischen Bevormundung im Stil von “Wir (von der Kirche oder vom Staat) wissen was gut ist für Euch” ist der Monolog des Grossinquisitors aus den Brüdern Karamasow von Dostojewski, für ca. Fr. 4.50 bei Reclam erhältlich.
Ergänzung für Julika:
1. In dem von mir herausgegebenen Schiller Brevier ist unter dem Titel “Dichter der Freiheit” (Ott Verlag, Bern 2006, S. 128 - 143) Schillers Aufsatz über “Die Gesetzgebung ds Lykurgus und Solon” auszugsweise abgedruckt. Zwei Staatstypen stehen einander gegenüber, das totlitäre Sparta und das librale Athen. Sparta hat zwar den Pelopponnesischen Krieg gewonnen, aber wo liegt es heute? Eignet sich als Diskussionsgrundlage, weil man anhand von Sparta auch die Verwandtschaft der linken und rechten Totalitarismen aufzeigen kann und Schiller nicht nur scharz/weiss malt.
2.Erscheint demnächst:
Wenn Reformvorschläge als «neoliberale Machenschaften» verunglimpft werden, ist dies ein Zeichen für eine emotional aufgeladene mediale Auseinandersetzung. Um diese Debatte zu versachlichen, haben Kurt Schiltknecht und Jürg de Spindler ein Buch herausgegeben, das die gängigsten wirtschaftspolitischen Mythen auf ihren Realitätsgehalt überprüft. Auf der Basis ökonomischen Wissens werden irreführende Darstellungen wie die «zerstörerische Globalisierung», der «ruinöse Steuerwettbewerb» oder der «kaputtgesparte Staat» widerlegt. Angebliche Heilmittel wie generelle Lohnerhöhungen und Umverteilungsprogramme werden mit Blick auf ihre Konsequenzen infrage gestellt und der immer wieder bemühte Modellcharakter der «nordischen Staaten» wird genauer ausgeleuchtet. Auf anschauliche und leicht lesbare Weise werden Grundsätze, Zusammenhänge und historische Errungenschaften einer Wirtschaftspolitik vermittelt, die sich an den Prinzipien der freien Marktwirtschaft orientiert.
Das Buch von Avenir Suisse unter dem Titel «Wirtschaftspolitische Mythen – Argumente zur Versachlichung der Debatte», erscheint im NZZ-Verlag, herausgegeben von Kurt Schiltknecht und Jürg de Spindler, entstanden unter Mitwirkung von Ernst Baltensperger (Universtität Bern), Silvio Borner (Universität Basel), Reiner Eichenberger (Universität Fribourg), Konrad Hummler (Wegelin & Co.), Beat Kappeler (NZZ am Sonntag), Robert Nef (Liberales Institut), Thomas Straubhaar (Hamburger Weltwirtschaftsinstitut HWWI).
Publikation:
«Wirtschaftpolitische Mythen. Argumente zur Versachlichung der Debatte»
Verlag NZZ, 130 Seiten, CHF 18.- / € 12.-
Ab Dienstag, 17. Oktober 2006, im Buchhandel erhältlich.
Weitere Auskünfte:
Jürg de Spindler, Tel. 079 253 45 45
Danke vielmals für die Tipps! Hatte ich z.T. schon, der Rest ist gekauft.