Glaube, Vernunft, Universität

Wenn der neue CEO der Römisch-Katholischen Kirche, S.H. der Papst über Glauben und Vernunft liest, sollte jeder aufpassen, der sich für eins der beiden interessiert, nicht zuletzt weil er in seinem vorherigen Job CIO (Chief Ideology Officer, aka Präfekt der Glaubenskongregation) war.

Die Vorlesung selbst ist eine ziemlich umfassende Analyse der klassischen dialektischen Beziehung zwischen Glauben und Vernunft. Sie beginnt mit einem Zitat des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaeologos, um die konzeptionellen Unterschiede dessen zu demonstrieren, wie christlicher und muslimischer Glaube ihr höchstes Wesen an die Vernunft gebunden sehen. Während der christliche Gott an die Vernunft gebunden sei (”Im Anfang war das Wort”), so sei der islamische Gott völlig transzendent und somit unabhängig von menschlichen Konzepten wie jenes der Vernunft. Die Verbreitung des Glaubens mit dem Schwert sei aus dieser Warte legitim, wird der Kaiser zitiert.

Soweit meine bescheidene Zusammenfassung jenes Teils der Vorlesung, der offenbar einige islamische Gelehrte irritiert hat. Allerdings haben sie vermutlich die Vorlesung nicht gelesen - die Reaktionen sind jedenfalls interessant.

Es bringt nicht viel, die Argumentation weiter nachzuzeichnen - jeder lese selbst. Der Dreh- & Angelpunkt der päpstlichen Argumentation liegt aus meiner Warte wenig überraschend darin, dass der Papst nicht glücklich ist darüber, wie der kritische Rationalismus den Glauben aus der gemeinschaftlichen Sphäre in die individuelle Subjektivität verdrängt hat. Das Hauptproblem allerdings - wiederum aus meiner bescheidenen Warte - besteht darin, dass der Papst vom Ergebnis her argumentiert, weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Das ist ganz einfach schlechte Logik und wenig überzeugend. Trotzdem ist die mediale Oeffentlichkeit durch die differenzierte Argumentation überfordert.

20 Kommentare:

  1. Patric C. Friedlin, 15. September 2006, 6:53

    Was meine Wenigkeit als wirklich astuten Beitrag zu differenzierter, fundierter & selbstkritischer Auseinandersetzung mit den wirklichen Problemen unserer Zeit - unter Anderem aufgrund der Probleme unserer Geschichte - empfand, war der sinnigerweise via n-tv ausgestrahlte Tadel seiner Heiligkeit, “er hätte zu konstatieren, dass die Menschheit auf der ‘Frequenz des Herrn’ (der er selbsterklärend von Amtes wegen permanent zugeschaltet ist, Anmerkung PCF) zunehmend schwerhörig sei.”

    … Ist die Wahrheit nicht schlicht, dass der Alt CIO, der nach unternehmerischer Logik nicht zum CEO hätte mutieren dürfen (was natürlich nicht mehr, nicht weniger als ihre Fehlbarkeit beweist …), Opfer eines monumentalen Dilemmas wurde? Indem er nun - kraft Amt urplötzlich zu Unfehlbarkeit verdammt - mit dem „absatzmarkttechnischen Fiasko“ der in alter, de jure nicht mit solch gnadenloser Strenge belasteten Funktion konzipierten Strategien konfrontiert wird?

    … Musste der unfehlbare Chef gar in der Stätte seiner physischen Niederkunft, über jeden irdischen Zweifel, erkenne, dass seine formal loyalen Klienten, inspiriert seitens des - dank der Freiheit des Denkens und des Seins - genialen FJS, Recht hatten, als sie sich vom Joch heiliger, römisch-katholischer Strenge befreiten und sich der hedonistischen Wirtschaft hingaben?

     
  2. Osservatore Profano, 15. September 2006, 9:07

    Offenbar hat Papst Benedikt XVI mit seiner Regensburger Rede mehrere wunde Punkte getroffen (Glaube, Vernunft, Wissenschaft, interreligiöser Dialog…) Ob damit eine fruchtbare Diskussion angestossen oder nur Waffen für neue Glaubenskriege geschmiedet wurden, wird man sehen…
    Weitere Überlegungen zum Thema “Ownership of Reason, Faith - and of God” auf
    http://filelefteros.blogspot.com

    Osservatore Profano dankt dem freilich.ch
    Team für den Link

     
  3. Christian Dreyer, 15. September 2006, 9:25

    Osservatore, ich denke, Du musst nochmal nachlesen. Einige Deiner zusammenfassenden Punkte sind unpräzis und in Bezug auf die “burning questions” z.T. sogar falsch: Die gewaltsame Missionierung wird nicht “explizit kritisiert”, sondern eine zugegebenermassen explizite Kritik wird zitiert und zum Ausgangspunkt der Analyse gemacht.

    Dass diese Zitierung allerdings im Lärm der Medienschlacht untergehen würde, war zu erwarten, weshalb SH in diesem Punkt wohl mindestens mangelnde Sorgfalt vorgeworfen werden darf, was angesichts des heiklen Themas und seiner putativen Unfehlbarkeit (grossartiger Punkt, Patric!) doch ziemlich schwer wiegt. Andererseits hat man eine akademische Vorlesung mit der gebührenden Sorgfalt zu konsumieren.

     
  4. Patric C. Friedlin, 15. September 2006, 10:22

    Eine engagierte Debatte über die von CD lancierten Punkte scheint zentral, auf dem Wege aus der absoluten Herrschaft der Moral - hüben, wie drüben. Damit verbindet meine Wenigkeit die Hoffnung, den Caro Osservatore motivieren zu können, der Sache mit etwas mehr Hingabe zu begegnen, als mit der doch ziemlich rhetorischen Frage: “Ob damit eine fruchtbare Diskussion angestossen oder nur Waffen für neue Glaubenskriege geschmiedet wurden, wird man sehen…”. … Wir befinden uns im Glaubenskrieg aller Glaubenskriege. Die Wahl Joseph Ratzingers steht gewiss in diesem Kontext und er dürfte eher keinen diskret-neutralen Part spielen, im Nahen Osten plus. Bis Blair kompetent ersetzt, Bush Jr Amtenthoben, und, z.B., John F. Kerry in den Präsidenten- und ein inspirierter lateinamerikanischer Reformpapst auf den heiligen Stuhl erhoben ist, dauert der Waffengang an, keine Frage!

     
  5. aus der Presse, 15. September 2006, 11:18

    Muslimische Kritik an Papst greift um sich - stop - Empörung über ein Zitat – Widerruf gefordert

    http://www.nzz.ch/2006/09/14/al/newzzES35SJB9-12.html

    5. September 2006, 12:02

     
  6. gis, 15. September 2006, 12:41

    “… eine Wahrheit über Mir, eine Wahrheit, nach der Ich Mich richten müßte, kenne Ich nicht. Für Mich gibt es keine Wahrheit, denn über Mich geht nichts!”

    Max Stirner

     
  7. Christian Hoffmann, 16. September 2006, 2:34

    Danke, Christian, für den Link. Bisher hatte ich es vermieden, dem “Tanz um den goldenen Ratzinger” in der deutschen Medienberichterstattung meine Aufmerksamkeit zu widmen. Die Heftigkeit der Reaktion auf Papa Ratzis Vorlesung hat mich dann aber doch neugierig gemacht… Und was muss ich feststellen? Oh, welche Enttäuschung - ich kann seine Aussagen zum Islam und Mohammed nur als völlig harmlos empfinden.
    Wie müssen viele Menschen (v.a. Männer) muslimischen Glaubens eigentlich von Minderwertigkeitskomplexen geplagt sein, um auf so banale Aussagen so aggressiv zu reagieren?
    Was sagt der gute Papst denn schon? Dass Menschen nur Kraft der Vernunft und nicht mit Gewalt bekehrt werden können. Mal ganz abgesehen davon, dass diese Aussage historisch wahrlich nicht evident ist, ist sie doch so dargestellt, dass kein wohlmeinender Mensch ihr ernsthaft widersprechen kann.
    Ich habe den Eindruck, dass in Kürze jedesmal, wenn eine Christ die Worte “Islam” oder “Mohammed” in den Mund nimmt, sich eine Horde präventiv aufgebrachter Tunichtgute im muslimischen geographischen Gürtel wie auf Knopfdruck zu einer “empörten” Demonstration zusammenfinden wird. Einfach nur erbärmlich und lächerlich…

    Unter ganz anderen Gesichtspunkten haben mich Ratzingers Worte dennoch zum Schmunzeln gebracht - “Ist es nur griechisch zu glauben, daß vernunftwidrig zu handeln dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und in sich selbst?” Welches Verständnis von Vernunft verfolgt dann bitte der Vatikan? Welche Art von “Vernunft” verlangt die Diskriminierung von Frauen, die Verfolgung Homosexueller oder auch nur das Verbot gesundheitsschützender Präservative?? Wie so oft in der Theologie, ist auch Ratzingers Rede wieder ein Schwall schöner Worte um ein gähnendes Nichts.
    Auch Ratzingers Lob dem “vernünftigen” Monotheismus gegenüber dem “menschgemachten” Polytheismus kann ich keinerlei Logik abgewinnen.

    Kultur- und zivilisationsgeschichtlich sind allerdings seine Anmerkungen interessant, dass das Christentum vor allem in Kombination mit der griechischen Philosophie und der römischen Staatsordnung unser heutiges Bild des “Westens” geprägt hat. Daraus lassen sich möglicherweise hilfreiche Schlüsse für den Dialog der Kulturen mit dem “Nicht-Westen” ziehen.
    Völlig ablehnen würde ich hingegen Ratzingers Schluss, dass der Westen erst den Glauben zu einem Bestandteil seines Wissens oder seiner Vernunft machen muss, bevor er sich mit anderen Kulturen auf Augenhöhe auseinandersetzen kann. Das hiesse doch wohl, sich der Unvernunft der anderen fälschlicherweise anzunähern.

     
  8. Marius, 16. September 2006, 13:11
  9. Dietmar-Dominik Hennig, 16. September 2006, 18:58

    Atatürk hat das noch etwas drastischer formuliert:

    http://dominikhennig.blogspot.com/2006/09/es-sprach-kemal-atatrk.html

     
  10. Patric C. Friedlin, 17. September 2006, 10:33

    Jenen, die die nicht wirklich radikal-humanistische Geschichte des Vatikans nicht verdrängen und in Benedikt, Nr. XVI., nicht wirklich einen Boten der Toleranz vermuten … Denen sei der gelegentliche Gang in das Münster zu Basel empfohlen. Dort wird auf Perfidie und auf privilegierende Tendenz verzichtet. Unfehlbarkeit ist absent. Mit aller Wucht der Vernunft, gänzlich ohne Pomp, ist viel mehr Fehlbarkeit General-Thema. In der Interpretation, in der Definition. Könnte gar Freiheit, Integrität und Toleranz Mutter dieses inspirierenden Ansatzes sein?

    Im Ernst: Kann - nun, wo sich das Jahr 5766 iner authentischeren Zeitrechnung dem Ende neigt - Einer, der ohne Scherz andauernd, global-exklusiv, Unfehlbarkeit für sich selbst reklamiert, gleichzeit den Anspruch erheben, von Logos geleitet zu sein?

    Wen beleidigt dieser Herr damit wirklich? Etwa gar uns selbst?!

     
  11. Christian Dreyer, 17. September 2006, 11:10

    Naja, Patric, Unfehlbarkeit ist ja spätestens mit der päpstlichen “Entschuldigung” nicht mehr primär das Thema. Anders wäre es gewesen, hätte er das Zitat zum Gegenstand seiner ex cathedra Position gemacht. Jetzt geht es in der aktuellen Diskussion nurmehr um die Meinungsäusserungsfreiheit eines Joseph Ratzinger, Papst, Rom.

    Ueberhaupt nicht diskutiert wird leider die eigentliche These des Referates, nämlich das Verhältnis zwischen Glauben und - von ihm definierter - Vernunft. Allerdings handelt es sich bei dieser Analyse wohl tatsächlich um eine ex cathedra Meinung, weshalb sich B16 die Klassifikation als These verbitten dürfte - schliesslich beansprucht er diesbezüglich tatsächlich eine unfehlbare Deutungshoheit. Mein kritisch-rationales Verständnis von Vernunft weicht jedoch deutlich von der päpstlichen Linie ab - werde ich jetzt exkommuniziert? Nur zu.

    Wie erwartet ist die öffentliche Debatte unterhaltsam. Hier die politisch korrekten Apologeten, dort die geifernden Demonstranten. Zu ersteren gehört übrigens wie in der heutigen SZ gesehen der hiesige Grossmufti der politischen Korrektheit, der anscheinend kolumniert ohne es für nötig befunden zu haben, das corpus delicti selbst zu betrachten. Wen wundert’s?

     
  12. Patric C. Friedlin, 17. September 2006, 11:38

    Bloss, werter Christian, dort wo Du Entschuldigung liest, orte ich pure Arroganz! Der Mann ist eine Gefahr, nicht für den Nahen Osten, nein: Für Europa. Eine Gefahr deshalb, weil er - von der Warte meiner Wenigkeit aus - zur Unzeit ‘Imam der mächtigsten Armee’ der Welt wurde und deren ‘Soldaten’ ihm, traurig aber wahr, unbedingt ergeben sind, … ihm glauben (Du kennst die Mentalitäten in Amerika?). Und er - was gewiss Nichts mit seiner Provenienz und seinem Alter zu tun hat - tatsächlich zu glauben scheint - … was ihn just mit den anderen Bs verbindet - die verhältnismässig jungen Ideen seines Clubs seien “superior”.

     
  13. aus der Presse, 17. September 2006, 12:46

    Nachtrag: Papst Benedikt XVI.
    Lebenslauf 1927,geboren am 16. April in Marktl am Inn, 1946-1951, Studium der Philosophie und Theologie in Freising und München

     
  14. Christian Hoffmann, 17. September 2006, 14:38

    @Patric: Ich bin nun wahrlich kein Fan Benedikts, der katholischen Kirche oder überhaupt einer Religion, aber ich verstehe Deine pointierte Ablehnung ausgerechnet diesen Papstes nicht.
    Ich halte es für übertrieben, zu behaupten, die Anhänger der katholischen Kirche seien dem Papst wie Soldaten unbedingt ergeben. Weder im Westen, wo jedes Vatikanische Wort mit einer Prise Saz genommen wird, noch im Rest der Welt, wo sich der Katholizismus oft mit lokalem Mystizismus vermengt, ist dies der Fall.
    Sicher halten dabei die Mitglieder des Benedikt-Clubs ihre Religion für superior - dies tun die Anhänger aller Religionen, was sie in meinen Augen auch so potentiell gefährlich macht.
    Ich kann nicht erkennen, wie dieser Papst den Westen, den Osten oder die Welt gefährdet - sicher nicht mehr oder minder als sein Vorgänger…

     
  15. Dietmar-Dominik Hennig, 17. September 2006, 16:00

    „Ich gestehe Ihnen, dass ich dieses Studium mit der Überzeugung abgeschlossen habe, dass es auf der Welt alles in allem wenige Religionen gibt, die so verhängnisvoll für die Menschen sind, wie die Religion Mohammeds. Sie stellt meiner Ansicht nach die Hauptursache für den heute so offensichtlichen Niedergang der islamischen Welt dar; und obwohl sie weniger abwegig erscheint als der antike Polytheismus, so sind die sozialen und politischen Tendenzen des Islam unendlich mehr zu fürchten, als die des Polytheismus, weshalb ich ihn im Verhältnis zum Heidentum eher als Zeichen des Verfalls, denn als Fortschritt ansehe.“

    Alexis de Tocqueville (1805-1859), zitiert in André Jardin: Alexis de Tocqueville. Leben und Werk, Frankfurt/M., Zürich 1991 (Verlag Neue Zürcher Zeitung)

     
  16. Patric C. Friedlin, 18. September 2006, 13:04

    An den werten Christian H. “… dies tun die Anhänger aller Religionen, was sie in meinen Augen auch so potentiell gefährlich macht.” In der Tat! “Deine pointierte Ablehnung ausgerechnet diesen Papstes” und “… Ich kann nicht erkennen, wie dieser Papst den Westen, den Osten oder die Welt gefährdet - sicher nicht mehr oder minder als sein Vorgänger…”

    JP1: … 1978. Leider waren ihm bloß wenige Stunden vergönnt …

    JP2: Ihn nahm ich - 1978 - deshalb als Idealbesetzung wahr, weil er die Sprachen der zu befreienden europäischen Region nicht nur sprach, sondern sie wirklich, in jeder Hinsicht auch verstand.

    B16: Ich erachte die von mir andernorts in höchstem Masse, wirklich, geschätzte Deutsche Gründlichkeit, gepaart mit der aus immensem Wissen und wachstem Geiste abgeleiteten Macht, als “des Guten ganz entschieden zu viel”, für ein - per se - bereits höchst gefährlich einflussreiches Amt! Denn, mein lieber Christian, “… with a pinch of salt”. Na ja. Wenn wir alle lateinischen Länder, Bayern und die willensschwachen USA ausklammererten! In Lateinamerika, zum Beispiel: Ein Wort s.H. und es folgen Taten, citissime. Jetzt, am 18. IX. 2006, glaub mir!

    ://:
    Meine “Ablehnung” ist also ganz einfach in “the complete, utter implausibility of the man’s mission” begründet. Worin kann - kraft Alter, Karriere und Provenienz - der freiheitsfördernde Reformansatz dieses brillanten alten Mannes bestehen? Ich vermag ihn nicht zu erkennen. Und wenn sich sodann gar der Generalvikar des Bistums Basel beeilt, öffentlich zu präzisieren, dass eine Entschuldigung schlicht inopportun sei, dann glaube ich, eher richtig, als falsch zu vermuten …

     
  17. Libertarian, 19. September 2006, 17:55
  18. Robert Nef, 22. September 2006, 2:40

    Der Papst hat eine wichtige Diskussion ausgelöst. Ob es opportun ist,in einer hierarchisch organisierten Gruppe, eine Kontroverse ausgerechnet von der Spitze aus zu führen, bleibe dahingestellt, ich halte als Non-Zentralist ohnehin nicht viel von grossen monopolistischen, pyramidenförmig organisierten Gebilden, weiss aber, dass sie auch ihre Vorzüge haben und dass auch Unternehmungen darauf angewiesen sind. Glaubensüberzeugungen müssen frei gewählt werden können und in einem Wettbewerb stehen, in welchem auf gegenseitige Gewaltanwendung ausdrücklich verzichtet wird. Aggressionsverzicht in Religionsfragen muss man offerieren, bevor man ihn von andern fordert und vor allem sollte man die diesbezüglichen historischen Fakten nicht einseitig darstellen. Am besten stehen bei den monotheistischen Religionen die Juden da, die für die Ausbreitung ihres Glaubens meines Wissens nie Gewalt angewendet haben, weil er “vererbt” wird. Immerhin ist die im Alten Testament geschilderte Einwanderungsgeschichte ins “Gelobte Land” voller Grausamkeiten gegenüber der dort ansässigen Bevölkerung. Moslems und Christen haben beide mit dem Schwert “zwangsbekehrt” und offenbar in ihren heiligen Schriften dafür “Rechtfertigungen” gefunden.

    Man sollte den Diskurs über Zwang und Glauben auf zwei Ebenen führen. Ist er tatsächlich von der jeweiligen Glaubenslehre her erlaubt oder gar geboten oder ist er in Abweichung von der Lehre von Fanatikern einfach praktiziert worden. Ich bin kein Koran-Kenner, erinnere mich aber, gelesen zu haben, dass es eine Sure gibt mit dem Inhalt “Es gibt keinen Zwang zum Glauben”. Etwas Vergleichbares habe ich weder im Alten noch im Neuen Testament gefunden. Kann mir ein Religionskenner diesbezüglich weiterhelfen? Wenn ein Papst einen solchen Grundsatz heute formuliert,ist dies aus liberaler Sicht ein Fortschritt, der Beachtung verdient. Wenn auf der islamischen Seite ein historisches Zitat bereits zu Morddrohungen und Morden führt, ist dies kein gutes Zeichen für die dort real existierende Reflexions- und Gesprächsbereitschaft und auch nicht für das vorherrschende Selbstbewusstsein. Der Wert einer gemeinsamen Überzeugung lässt sich vielleicht daran messen, inwiefern bei deren Praxis auf Zwang und Gewalt verzichtet wird. Toleranz gegenüber Andersgläubigen ist auch ein Zeichen der Stärke. Wir sind noch weit von Lessings friedlicher Konkurrenz der Religionen entfernt. Sie müsste aus heutiger Sicht ergänzt werden durch die gleichberechtigte Teilnahme der Nicht-Religiösen am Wettbewerb um den Beitrag des Glaubens zur Verbesserung der Lebensqualität.

     
  19. Christian Dreyer, 22. September 2006, 11:02

    Hört, hört!

    Robert, es tut mir leid, Dir beim Schlussatz schon wieder zustimmen zu müssen - das muss aufhören!

    Dennoch: die monotheistischen (Monopol)Religionen haben sich bis vor kurzem halbwegs gut arrangiert und auf Uneinigkeit geeinigt. Worin sie sich aber tatsächlich unheimlich einig sind, ist, dass sie die “zersetzende Kraft” (was da wohl “zersetzt” wird?) von Atheismus, Skeptizismus und Rationalismus fürchten wie - das Bild sei mir vergeben - der Teufel das Weihwasser. Von daher rückt Dein letztes Desiderat in immer weitere Ferne.

     
  20. Patric C. Friedlin, 22. September 2006, 15:16

    Der Elder Liberal Statesman lässt in der Tat wenig Raum, begründet Einsprache zu erheben. Ich empfinde das jedoch als ermutigend. Es schafft Vertrauen, in die Kompetenz der Führung! Wo sonst - wenn wir ehrlich sind, was wir immer sind - ist dem noch so?

    “… Teilnahme der Nicht-Religiösen … um den Beitrag des Glaubens zur Verbesserung der Lebensqualität.”

    Da es zahlreiche Personen gibt, die den anerzogenen Glauben aus diversen Gründen nicht total negieren, sollte man, denke ich, auch die so genannt “nicht-orthodoxen bzw. nicht-praktizierenden Religiösen” nennen. Resultierend, a grosso modo, in den folgenden Fraktionen?

    . Orthodoxe, Praktizierende*1: 3 Mia.
    . Nicht-Orthodoxe &
    Nicht-Praktizierende: 2 Mia.
    . Nicht-Religiöse: 1,5 Mia.

    (*1 inklusive Kommunisten, Nationalisten, Rassisten & Sozialisten)

    Was - je nach unterstellter Partizipation - sowohl eine plausible Erklärung für den globalen Zustand lieferte, als auch einen Saldo an Hoffnung liesse, dass Besserung - zumindest rein theoretisch - möglich wäre …

     

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