Markt und Moral

Zum Auftakt der gleichnamigen Veranstaltung des Liberalen Instituts hat heute abend (oder war es schon gestern?) eine der klassisch hochklassigen Veranstaltungen des Instituts bei den Zimmerleuten stattgefunden. Prof. Starbatty hat über Wilhelm Röpke referiert, den er neben Keynes und Schumpeter als einen seiner Lieblings-Oekonomen bezeichnet - ein wahrhaft spannendes Trio, dessen wohl tatsächlich einzige Gemeinsamkeit im Sinn für klassisch-elegante Aesthetik bestand.

Röpke war mir bis anhin nur diffus als Vertreter des rheinischen Kapitalismus ein Begriff. Dass er aber gemäss Starbattys These des Abends für uns heutige wichtiger als Hayek sein soll, davon bin ich auch nach seiner informativen Begründung (oder Aufblätterung, wie er sagen würde) nicht überzeugt. Hayek befasste sich bekanntlich mit der konstitutionellen Ordnung der offenen Gesellschaft, während Röpke sich der Gesellschaftskrise durch Verlust der Verwurzelung des Menschen widmete. Letzteres scheint mir in der Anlage doch eine durchaus konservative Veranstaltung nicht ohne Risiken.

Jedenfalls sehe ich nicht, wie sie der konstitutionellen Ordnung qua Dringlichkeit vorzuziehen wäre. Was vulgo zur Europäischen Verfassung hätte werden sollen, ist am Verfassten gescheitert. In Deutschland erlassen Regierungen sehenden Auges grundgesetzwidrige Gesetze ohne mit der Wimper zu zucken. In Frankreich wird wohl demnächst eine neue Republik anstehen. Ueber Italiens Ordnung spricht man in guter Gesellschaft nicht, und in der Schweiz zeigt die grösste Partei eine überaus zweifelhafte Einstellung gegenüber verfassungsmässigen Regeln. Ueber die einzig ernstzunehmende Verfassungsordnung scheint jenes Land zu verfügen, das keine hat.

Aber Thesen sind ja da, sich daran zu reiben. Eine weitere Aussage Starbattys wäre noch ausführlicher Diskussion wert, nämlich dass die Geldpolitiken von EZB und Federal Reserve auf keynesianischer Politik basierten. Nanu?

Das ganze Referat (inkl. Einführung durch Robert Nef) kann hier in bekannt zweifelhafter Qualität gehört werden. Grosses Lob des Referenten erhielt eine im NZZ Libro Verlag erschienene Röpke-Biographie, die beim ersten Durchblättern tatsächlich einen ungemein dichten Eindruck hinterlässt. Typisch übrigens, wie der Verlag der Alten Tante sich ohne viel Aufhebens ein neues, durchaus gefälliges Erscheinungsbild verpasst hat.

19 Kommentare:

  1. Christian Schenkel, 4. Mai 2006, 7:01

    Interessant finde ich, dass unter dem Titel “Markt und Moral” über den Staat gesprochen wird. Würdest du dich, Christian Dreyer, als Ordoliberalen bezeichnen?

    Den Link zwischen Verlust der Verwurzelung, Konservativismus und Risiken für die Gesellschaft kann ich nicht ganz nachvollziehen. Kannst du das genauer erläutern?

     
  2. Christian Dreyer, 4. Mai 2006, 9:32

    Nicht “es wird gesprochen” - ich tue das, und aus dem einfachen Grund, dass ich mit Starbattys These nicht einverstanden bin und so dagegen halte. Ob in der alten Sternwarte auch über den Staat gesprochen wird, weiss ich nicht.

    Ohne Röpke gelesen zu haben argumentiere ich auf denkbar dünnem Eis, wenn ich ihn angreife. Daher verallgemeinere ich lieber: Kulturpessimistische Verurteilungen jeweils heutiger Zustände à la Die heutige Jugend … (im Gymi hatten wir mal einen 2000 jährigen solchen Text gelesen) sind oft höchst subjektive Betrachtungen, die mehr über die nicht selten weinerliche Grundhaltung des Beobachters aussagen als über das Beobachtungsobjekt. Konservativ ist das insofern, als dass damit die (eigene?) Vergangenheit romantisch verklärt wird, und riskant wird es, wenn die Wertung in (politische) Aktion umgesetzt werden soll. Ordoliberal? Ich gebe die Frage gerne ungeöffnet zurück.

     
  3. Julika Hartmann, 4. Mai 2006, 11:18

    Danke für die Aufnahme, wenigstens etwas. Ich wollte heute unbedingt ans Kolloquium, aber jetzt liege ich mit Heufieber im Bett und kann mich kaum an den Comp schleppen. Auch ein Hörtipp: Via Reuters kann man sich heute den Livestream von WeMedia ansehen.

     
  4. Christian Schenkel, 4. Mai 2006, 11:43

    @ Christian Dreyer

    Jetzt verstehe ich dich besser: In der Philosophie redet man von einem genealogischen Fehlschluss, wenn man annimmt, dass das Althergebrachte immer das Bessere sei. Das “Alter” einer Idee oder eines Prinzips oder eines Wertes hat nichts mit dessen (moralischer) Richtigkeit zu tun. Da gehe ich mit dir einig.

    Wenn die Hauptprämisse der ordoliberalen Position darin besteht, dass ein funktionierender Markt verbindliche Regeln braucht, um die bekannten Probleme zu mildern; dann teile ich diese Prämisse.

     
  5. Christian Hoffmann, 4. Mai 2006, 18:55

    Wer sich für Röpke interessiert, kann auch Gerd Habermann´s Brevier “Das Mass des Menschlichen” zur Hand nehmen.
    Obwohl ich es selbst besitze, muss ich gestehen, dass ich noch nie reingeschaut habe. Mein Eindruck von Röpke ist sehr ähnlich wie der von Christian… das riecht mir meist zu sehr nach Kulturkonservatismus… Ist allerdings mehr ein Vorurteil als ein Urteil.

     
  6. Christian Dreyer, 4. Mai 2006, 22:43

    Uebrigens, à propos Kulturpessimismus: Ich liebe meinen Burckhardt (Jacob, den mit den Weltgeschichtlichen Betrachtungen) heiss, aber als Politiker würde ich ihm keine fünf Meter weit getraut haben.

     
  7. Silvan, 5. Mai 2006, 10:39

    “Riecht” Röpke nach Kulturkonservatismus?

    Es ist interessant, dass viele von W. Röpke sprechen, ohne sein Werk gelesen zu haben. So erstaunt es nicht, dass seine Absicht einer ländlich-bäuerlichen und kleinbetrieblichen Gesellschaftsstruktur als romantisch, christlich-konservativ, ja gar antiliberal abgetan wird.

    Dass Röpkes Schreibstil einen gewissen solchen “Touch” hat, will ich nicht abstreiten; ich möchte aber auf folgendes hinweisen: Röpke will aus einem liberalen Beweggrund eine derartige Gesellschaftsstruktur: Er will in erster Linie möglichst viel Eigentum und selbstständige Menschen mit Sinn für Eigenverantwortung bewahren. Privateigentum ist ein zentrales Element für eine funktioniernde Marktwirtschaft. Röpke befürchtet daher, dass durch Zusammenlegungen zu Grossbetrieben und damit der Auflösung vieler KMU’s Privateingetum vernichtet wird, im gleichen Atemzug würden diese zuvor selbstständig Tätigen logischerweise in die Lohnabhängigkeit getrieben. Röpke spricht ja dann auch von “Vermassung” und “Verklumpung” der Gesellschaft; eine Gesellschaft schliesslich, die aus ihrem Verlust der Eigenständigkeit eher zum Wohlfahrstsaat tendieren würden.

    Röpke argumentiert meines Erachtens also durchaus liberal: Wer die Kleinräumigkeit fördert, bewahrt nicht nur Privateigentum, sondern auch eigenveranwortlich und selbständig agierende Menschen.

    Das Problem bei Röpke ist freilich, dass sich zwei Ziele nur schlecht verbinden lassen: Unterstützt man KMU’s zur Bewahrung möglichst vieler selbstständiger, unternehmerisch denkenen Akteure, oder entscheidet man sich für das ökonomische Prinzip im Sinne der Gewinnoptimierung und der - nicht zwingend! - daraus folgenden Zusammenlegung zu gröserer Betriebseinheiten (economy of scale)?

     
  8. Robert Nef, 6. Mai 2006, 20:57

    Röpke sieht den Markt als eine Institution, die mehr Moral verbraucht als produziert. Wie “nachfüllen”?  Ich meine, sein Appell richte sich vor allem an die moraltragenden und -generierenden Institutionen der Zivilgesellschaft (Familie, Dorfgemeinschft, Betriebsgemeinschaft etc..), die das jeweils entstehende Defizit ausgleichen sollen. Ich werde den Verdacht nicht los, dass er auch den “richtig verstandenen marktkonform helfenden und unterstützenden Staat” in den Kreis der moralgenerierenden Institutionen einreihte. Völlig falsch ist das nicht, aber es führt zu jenem Dilemma, das ich am Ende des Röpke-Kolloquiums in Erinnerung rief. Der Staat kann sich als Zwangsmonopolist höchstens um das ethische Minimum (Strafrecht, Haftpflichtrecht, Zwangsvollstreckungsrecht) kümmern, und nichteinmal das kann er selbst nachhaltig aufrechterhalten. Ich habe in meinem Votum sogar in Analogie zur staatlichen “Streuerschraube” das Bild der staatlichen “Moralschraube” gebraucht, die, wenn sie zu stark angezogen wird, die Moral-Erträge in einer Gemeinschaft per saldo senkt.

    Der Markt versagt angeblich in vielen lebenswichtigen Bereichen (Bildung, Gesundheit, Kultur). Zwischenfrage: Versagt da der Staat auf die Dauer nicht noch viel mehr als die Privatautonomie, und soll man diese künftigen Kernbereiche einer Dienstleistungsgesellschaft wirklich dem innovationsunfähigen wettbewerbsfeindlichen Etatismus überlassen? Hier setzt die aus meiner Sicht freiheitsfeindliche und staatsfördernde Ideologie der Chancengleichheit ein, die man dann als eine raffinierte Mischung von Ausgleich, Unterstützung, Infrastrukturbereitstellung (Telekommunikation, Energie, Verkehr, Bildung), Regulierung, “service public”, “new public management” und (der neueste Missgriff!) “private public partnership” propagiert, selbstverständlich mit dem Ziel “soziale Gerechtigtkeit” und “Freiheit für alle” zu fördern. Man will das (aus dieser
    Sicht) intrinsisch angelegte  und tendenziell im Zeichen des Moralzerfalls fortschreitende Marktversagen im grossen Stil durch wohlfahrtsstaatliche Massnahmen kompensieren. Dabei ist ja aus Röpkes (und auch aus meiner) Sicht der Wohlfahrtsstaat die Hauptursache des Moralzerfalls… Bei Röpke sind Interventionen noch temporäre, notlindernde Massnahmen. Er konnte noch nicht an die Erfahrung anknüpfen, dass jedes ordoliberale Interventions-Provisorium zum wohlfahrtsstaatlich wachsenden Definitivum wird (z.B. bei den Agrarsubventionen).

    Der Korporatismus - the coalition of big business and big government - ist das Grundübel! Die moralischen Defizite in einer Gesellschaft können nicht durch “mehr Staat”, sondern nur durch “mehr (negative) Freiheit” ausgeglichen werden. Wenn man will, dass sich viele Menschen von sich aus moralisch bzw. moralischer verhalten, muss man das Risiko eingehen, dass dies einige Menschen von sich aus nicht tun. Eine offene Gesellschaft funktioniert aber auch mit pluralistischen Verhaltensweisen und mit einem Wettbewerb zwischen verschiedenen Moralvorstellungen und erträgt auch einiges an Unmoral. Ja, aber wie erhält oder vermehrt sich Moral? Wer bringt den “ordo”, Röpkes Ordnung “Jenseits von Angebot und Nachfrage” hervor und wer erhält sie nachhaltig, oder verbessert sie sogar? Die Wirtschaft selbst kann es aus ordoliberaler Sicht nicht oder nur teilweise sein, bleiben also “Staat” und Gesellschaft”. Aber was und wer ist die Gesellschaft? Nur die Zivilgesellschaft? Gehört die Wirtschaft zur Zivilgesellschaft? Am Rande? im Zentrum? Für mich ist der entscheidende “Moralgenerator” der fremdherrschaftsfreie Tausch, die hayek’sche “Katallaxia” funktionierender Vereinbarungen, die auf den Güter-, Dienstleistungs- und Ideenmärkten und im Bereich der Moral selbst immer wieder neu entsteht und als Lernprozess angelegt ist. Wörtlich übersetzt “durch Tausch den Feind zum Freund machen”…

    “Moral ist Sache der Moral”, und ihre Träger und Produzenten müssen privatautonom bzw. zivilgesellschaftlich (Familie, Nachbarschaft, Vertragsgemeinschaften, Kirchen) organisiert sein und nicht “Jenseits von Angebot und Nachfrage” sondern “Jenseits des etatistischen Zwangsmonopols” funktionieren.

    Die Gesellschaft ist nicht dreigeteilt in “Staat” “Wirtschaft” und “Sozio-Kultur”, sondern unterliegt zwei grundverschiedenen aber aufeinander bezogenen Steuerungsprinzipien: Zwang und Privatautonomie. Der Zwang ist Sache des Zwangsmonopolisten namens Staat und der ganze Rest ist gemeinsame und nicht entschlüsselbare Sache einer spontanen Ordnung, zu der “Wirtschaft”, nachbarschaftliche, vertragliche und religiöse Primär-und Sekundärgruppen aller Art zählen, zu deren Mitgliedschaft es eine Beitritts-und Exditoption gibt.

    Bin gespannt, was Röpke dazu sagen würde.

    Es gibt heute so etwas wie ein “Rassemblerment antilibéral”. Das Paradoxe daran ist nur, dass sich in der Schweiz einige der Protagtonisten selbst als “liberal ” bezeichnen, ja sogar als die “richtigen Liberalen”, die sich dann gegenüber den markt-moral-gläubigen “Trotteln” (der Begriff ist am Kolloquium verwendet worden) auch terminologisch abgrenzen.

     
  9. Christian Dreyer, 6. Mai 2006, 23:00

    @Robert, verstehe ich Dich richtig, wenn ich annehme, dass Du Starbattys These ebenfalls kritisch gegenüberstehst?

    Deine Aeusserung zum Rassemblement antilibéral ist wohl etwas zu sehr an die Teilnehmer des Kolloquiums gerichtet - kannst Du erläutern?

    @Silvan, der “liberale Beweggrund” für Röpkes nun also bestätigten Kulturkonservatismus ist aus politischer Sicht meines Erachtens irrelevant: Sein Ideal kleinräumiger Strukturen scheint nicht lebensfähig zu sein. Strukturpolitische Unterstützung wäre interventionistisch und ohne Zweifel unliberal. Und ohne politische Komponente scheint mir diese Position nurmehr von historisch-akademischem Interesse.

    Am Einführungsabend wurde mehrfach auf eine Auseinandersetzung im Zusammenhang mit MPS angespielt. Mich würde interessieren, ob unsere laufende Diskussion in dieselbe Richtung zielt wie diese Auseinandersetzung?

     
  10. Robert Nef, 7. Mai 2006, 8:49

    @Christian Dreyer. Starbatty hat eine temperamentvolle Ideenskizze als provokative Einführung zu einem Kolloquium geliefert. Seine Eingangsthese “Röpke ist heute wichtiger als Hayek” hat mich zunächst auch befremdet und ich hadere damit. Röpke war zwar ein Anti-zentralist, ein Eigentumsfreund und ein Anti- Wohlfahrtsstaatler, aber er stand dem real existierenden Kapitalismus kritisch gegenüber, befürwortete struktur- und wirtschaftspolitische Interventionen aller Art und glaubte, dass solche “marktkonform” sein könnten und er betrachtete den Markt als “moralverbrauchend” und suchte nach Lösungen “Jenseits von Angebot und Nachfrage”. Seine Kritik an der Massen-und Klumpengesellschaft ist immer noch aktuell, seine Idealvorstellung von einer bäuerlich und handwerklich geprägten Welt ist nur aus seiner Situation heraus und als Gegenutopie zur technischen Zivilisation des Fortschrittsglaubens überhaupt verständlich. Hayek ist in allen diesen Fragen konsequenter und radikaler, aber auch er macht Kompromisse mit der wirtschafts-und sozialpolitischen Realität. Ich meine, dass es Starbatty um etwas anderes ging. Es besteht heute eine Nachfrage nach klaren liberalen Stellungnahmen zu konkreten politischen Problemen. Anthropologisch fundierte ökonomische Theorien, die über die Jahrhunderte “richtig” sind, und etatistische Interventionen aller Art ablehnen (Hayek), sind in einer Phase des geordneten Rückzugs aus interventionistischen Fehlsystemen wenig tauglich. Möglicherweise sind klare Bekenner, die Richtiges mit Fragwürdigem mischen und sich in den Medien allgemeinverständlich zum Wort melden auch wichtiger als vage, tolerante Agnostiker, die zwar in vielem Recht haben, aber allzuoft wenig bewirken. Auf diesem Hintergrund verstehe ich die These von Starbatty, die als Denkanstoss und nicht als Dogma gemeint war.

     
  11. Christian Dreyer, 7. Mai 2006, 15:57

    Und diese Nachfrage nach klaren liberalen Stellungnahmen zu konkreten politischen Problemen vermag Röpke zu befriedigen? Das kann ich mir schwer vorstellen, lasse mich aber mit konkreten Texthinweisen gerne eines besseren belehren.

    Bis dahin stelle ich folgende Gegenthese zu Starbattys auf: Als an der politischen Realität interessierter Liberaler mit knappem Zeitbudget muss ich Röpke (im Gegensatz zu Hayek) nicht gelesen haben. Und um noch einen draufzusetzen: Der Chefideologe der SVP jedoch schon.

     
  12. Dietmar-Dominik Hennig, 7. Mai 2006, 18:27

    Wenn sich die SVP an Röpke orientierte, wäre sie damit aber immer noch liberaler als die seit jeher weltanschaulich grundsatzfreie deutsche FDP, die sich in unseliger Tradition ihrer Vorgängerparteien im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dem Etatismus verschrieben hat, wie man bei Ralph Raico (”Die Partei der Freiheit”, http://www.capitalista.de/product_info.php?products_id=828200427) nachlesen kann.

    Mir ist allerdings auch Hayek (ich lese gerade “Die Anmaßung von Wissen”) lieber als Röpke, und Mises lieber als Hayek, und Rothbard lieber als Mises! Wer hätte das gedacht! ;-)

    Überliefert ist übrigens folgendes Anekdötchen: Mises und Röpke laufen gemeinsam durch eine Schrebergartenkolonie und Mises sagt irgendwann dazu: “Was für eine ineffiziente Form der Nahrungsmittelproduktion!”, worauf Röpke erwidert haben soll: “Ja, aber doch eine sehr effiziente Form der Glücksproduktion!” Aber auch Libertäre wissen, daß sich “Wohlstand” eben nicht nur in monetären Größen ausdrücken läßt. Das könnt Ihr sogar bei Hoppe nachlesen (der allerdings, das sei zugestanden, auch gewisse kulturkonservative Züge trägt, zumindest, was seine jüngeren Publikationen anbelangt).

     
  13. […] Da meine Kritik an Robert Nefs Beiträgen und Kommentaren auf freilich.ch meistens recht ausführlich ist, publiziere ich sie hier oder auf libera.lism.us. Meine aktuelle Auseinandersetzung mit Nef findet ihr auf unter «Einlassung auf Robert Nef [3] – Über Moral» auf libera.lism.us. liberales institut Liberalismus Libertarismus Moral robert nef […]

     
  14. Metalust & Subdiskurse (Trackback), 10. Mai 2006, 8:21

    Marktliberalismus als Beobachtung dritter Ordnung

    Den Robert Nef hatte ich ja hier schon mal am Wickel. Der ist gegen Chancengleichheit und zudem ein Dualist. Das ist immer das Erbe von Religionen, der Dualismus, Gut und Böse halt. Würde beide Kategorien auch nie zurückweisen, was z.B….

     
  15. Robert Nef, 10. Mai 2006, 15:07

    Hab die Überlegungen mit wenig Lust und Metalust nachgelesen. Wer es nötig hat, andre Meinungen gleich als “höhern Blödsinn” abzutun nur weil sie nicht auf der gleichen Argumentationsschiene liegen und keine detailierten terminologischen Abgrenzungen vorausgeschickt bzw. vorausgsetzt werden, trägt m.E. wenig zu einem Lernprozess (den ich eben auch als Tauschprozess deute) bei. In jeder Diskussion kann man Eindruck schinden, wenn man argumentiert “sagen Sie mir doch zuerst einmal, was Sie unter “Sprache” verstehen”, unter “Markt” unter “Staat” oder - noch mehr “Meta” - “was Sie unter “Verstehen” verstehen, sagen Sie mir zuerst ob Sie Dualist, Monist, Christ, Atheist, Meliorist, Materialist, Marxist, Strukturalist, Frankfurter Schüler, Austrian Economist, Neoklassiker,Systemtheoretiker, Kantianer, Neukantianer, Hegelianer, Keynesianer, Hayekianer oder “selber aner” sind, dann sag ich Ihnen, ob das stimmt und verpasse Ihnen dann die aus meiner Sicht richtige Etikette, bevor ich mit Ihnen weiter diskutiere.
    Wer eine ökonomische Terminologie verwendet, und z.B. von einer Produktion von Moral spricht, wenn es darum geht, dass es in einer Gesellschaft mehr Menschen gibt, die sich moralisch verhalten bzw. gleich viele, die sich aber verhältnismässig moralischer verhalten, der ist natürlich ein ganz übler Ökonomist, der doch - bitte - zuerst einmal definieren soll was er unter “Moral”, “Markt” “Produktion” und “Staat” versteht, dieser Wirrkopf…Mit diesem argumentativen Strickmuster spielt man letztlich immer auf den Mann (den man - wie anschaulich!) - “auseinandernimmt” statt mit ihm zu kommunizieren, in der Hoffnung, dass der Meinungsaustausch schliesslich zum Positivsummenspiel wird. (Schon wieder Ökonomie!)Aber ich bin halt ein unverbesserlicher Ökonomist, der das Zusammenleben der Menschen als Tausch- und Lernprozess deutet, der umso gedeihlicher, ja, lebensdienlicher abläuft, je weniger Zwang (Fremdbestimmung) dabei im Spiel ist. Ist nicht beweisbar, kann sich aber auf viele Erfahrungen abstützen. Ich ahne schon die Antwort. “Sagen Sie mir doch zuerst einmal was Sie unter “Zwang”, “Lernen” unter “gedeihlich” oder unter “lebensdienlich” d.h. unter “Leben” und “Dienen” verstehen und unter “Beweis” und “Erfahrung”, dann sage ich Ihnen, was für einen “-ismus” Sie vertreten…bevor ich Ihren “höheren Blödsinn” auseinandernehme.

     
  16. MomoRules, 11. Mai 2006, 11:23

    Lieber Herr Nef,

    zunächst Danke für die Antwort! Übrigens gerne auch in meinem Blog
    ;-) ….

    Ich behaupte jedoch weiterhin, daß eine Klärung der Begriffe schon Sinn macht, bevor und während man kommuniziert. Geht ja nicht um Zauberformeln, die mythisch beschwörend man dann ausruft, sondern um Argumente.

    Ein trotziges Aufstampfen mit dem “Ich bin nun mal unverbesserlicher Ökonomist!”-Fuß ist da schon weniger hilfreich. Dann braucht man ja gar nicht miteinander reden, sondern bleibt eben, wie man ist - meinem Ethos und übrigens auch meinem Verständnis von Politik widerspräche das.

    Gestehen Sie mir zumindest zu, daß ich versuche, mich mit “marktliberalen” Positionen auch auseinanderzusetzen und für Korrekturen in der Darstellung jederzeit offen bin, wie ich auch zur Revision meiner Positionen bereit bin, während viele “Marktliberale” dazu neigen, im “dogmatischen Schlummer” weiter vor sich hin zu schnarchen und Behauptungen bei Umgehung jeder sachlichen Auseinandersetzung unaufhörlich zu wiederholen.

    Was ich Ihnen niemals unterstellen würde, kenne Sie erst seit kurzem, aber als Antwort auf eine Kritik diese dann als reine Diskursstrategie zu behandeln, das ist nun auch nicht gerade der Weg zu wechselseitig gewinnbringender Argumentation.

    Die Orientierung an Denkschulen macht auch Sinn, weil der Verweis auf bisher Gedachtes eben ein gewisses Vorverständis ermöglicht. Ich selbst ordne mich keiner Schule zu.

    Mit freundlichem Gruß,

    MomoRules

     
  17. Robert Nef, 13. Mai 2006, 1:10

    Die Charakterisierung als “unverbesserlicher Ökonomist” nimmt gewisse Vorwürfe auf und verwandelt sie in Selbstironie. Ich bin nämlich gar nicht Ökonom, sondern (ursprünglich)Jurist und heute Publizist und Think-Tanker. Juristerei hat bekanntlich viel mit Definitionen und mit Auslegung zu tun und mit Konsens und offenem und verstecktem Dissens. Wahrscheinlich ist die Rechtswissenschaft im öffentlichen Recht Politikwissenschaft und im Privatrecht eine pragmatische und emirisch gestützte Kommunikationstheorie, die einen Konsens (d.h. gegenseitiges Verstehen) nicht auf das zurückführt, was subjektiv gemeint war, sondern auf das, was normaler- und vernünftigerweise darunter verstanden wird. Das vereinfacht vieles, möglichwerweise allerdings oft auch etwas voreilig. Ich habe manchmal den Eindruck, in den interdisziplinären Blogs gehe es oft nicht um unterschiedliche Standpunkte, sondern um unterschiedliche Fachterminologien, die ihrerseits wieder an unterschiedliche Mentalitäten bzw. Vorverständnisse anknüpfen. Wenn Nichtökonomen Begriffe wie “Tausch”, “Produktion”, “Ökonomie”, “Investition”, oder “Gewinnstreben” hören oder lesen, denken sie häufig primär an Geld oder an etwas rein Materielles. Dass dahinter letzlich Kommunikation im weitesten und besten Sinn steht und wesentliche Bestandteile des Tauschprozesses immateriell und psychologisch sind (der wichtigeste Markt ist der Ideenmarkt und Blogs sind nichts anderes als eine Ideenbörse!), wird dabei zu wenig beachtet. Ökonomie, das habe ich als Jurist hinzugelernt, hat sehr viel mit Psychologie und Verhaltensforschung zu tun. Die deutsche Sozialwissenschaft hatte stets eine gewisse Verachtung für den in dieser Wissenschaft angeblich inhärenten materialistischen Krämergeist. Herrschaft, Staat, Recht, Macht, Ehre, Kampf, Klasse, Vertrag, Diskurs, Gesellschaft, Gemeinschaft etc..sind im deutschen Sprachbereich “wissenschaftsfähiger” als Kosten, Nutzen, Tausch und Gewinn, “das materialistische Tummelfeld der profitgierigen kulturlosen Angelsachsen und der Juden”. Was Röpke in den Bereich “Jenseits von Angebot und Nachfrage” verwies, liegt nach neuerem und breiter abgestütztem Ökonomieverständnis übrigens mitten drin. Viele nennen einen Vorgang “Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche”, der eigentlich lediglich die durchaus erwünschte Öffnung einer Fachsprache zur Interdisziplinarität betrifft, ein Vorgang der sich heute in jeder Fachterminologie abspielt bzw. abspielen sollte, ohne dass man dahinter gleich eine Eroberung wittern müsste. Natürlich muss man sich gegen jede fachterminologische Anmassung wehren, auch jene der Ökonomen. Keine sozialwissenschaftliche Fachsprache darf sich als Beherrscherin aller Diskurse aufspielen. Aber wer in einer andern terminologischen Tradition (etwa in jener der Frankfurter Schule) wissenschaftlich sozialisiert worden ist, sollte seine eigene terminologische Betriebsblindheit auch in Rechnung stellen, bevor er andern “dogmatisches Schnarchen” diagnostiziert. Ich mag den Begriff “marktliberal” als Etikette nicht, und “Dualist” ist jeder, der ein komplexes Phänomen zunächst einmal so vereinfacht, dass er zwei konträre Aspekte herausgreift, z.B. Autonomie und Heteronomie. Wer sich mit Moral herumschlägt, kommt um den Dualismus von “gut” und “böse” nicht herum. Dass dies eine problematische Vereinfachung zur Folge hat,ist wohl unvermeidlich, aber Entscheidungen erfolgen nun einmal nach dem Ja/ Nein Prinzip, und auch beim Nachdenken, muss man sich gelegentlich für oder gegen etwas entscheiden, ohne dabei gleich zum Dogmatiker zu werden. Auch ich bin bereit, auf Grundsatzentscheidungen zurückzukommen. Ich bin z.B. für Privateigentum und für Privatautonomie, für permanentes Lernen, für offene Kommunikation, für den Wettbewerb als Entdeckungsverfahren und gegen Zwang im Sinn der Fremdbestimmung, aber ich habe mir diese Optionen nicht leicht gemacht und sie stehen im Popper’schen Sinn für Widerlegungen aller Art zur Verfügung. Ich sei gegen Chancengleichheit? Ich bin nicht dagegen,ich stellte lediglich einmal fest, dass, wer andern Chancengleichheit verspricht, bei der Schaffung der Voraussetzuungen in einen Teufelkreis gerät, in dem er immer totalitärer wird und letztlich das Ziel doch nicht erreicht.
    Schlussfrage: Auf welchen Knopf muss ich jetzt drücken, dass das auch auf Ihren Blog kommt? Danke für die Einladung.

     
  18. Christian Schenkel, 13. Mai 2006, 7:58

    Ich teile Roberts Beobachtung, dass wir in Blogs oft mit vorgeprägten (theoretischen) kognitiven Rahmen die Wirklichkeit interpretieren. Ein Ökonom tut dies anders als ein Politikwissenschaftler, Jurist, Philosph, etc. Das Arbeiten an der Sprache und Definitionen ist diesem Umstand geschuldet. Ich frage in Blogs immer mehr nach, was die Leute unter X oder Y verstehen, weil ich merke, dass sie von ganz anderen Prämissen ausgehen als ich. (Einmal über die Bedeutung und den Stellenwert von “Zwang” an und für sich zu sprechen, fände ich übrigens sehr interessant und lohnenswert).

    Jedenfalls glaube ich, dass viele unserer Reibereien auch mit diesen verschiedenen, “wissenschaftlichen” Sprachspielen zu tun haben. Ich bewerte es aber positiv, dass wir über das Medium Blog in Kontakt kommen, verwirrt sind ob der der Meinungsvielfalt und uns - mehr oder weniger respektvoll - austauschen. Positiv: Das könnte der Anfang eines die sozialen Gruppen und Gewohnheit übergreifenden Tausches/Lernens sein.
    Negativ: Wir Grenzen uns noch mehr von dem Anderen ab, um unsere Ideologie/Werte/Identität zu wahren.

    Mal sehen, es bleibt spannend!

     
  19. MomoRules, 13. Mai 2006, 9:34

    Lieber Herr Nef,

    Danke für die ausführliche Antwort, das kann ich alles so akzeptieren, und zum Teil würde ich’s auch so vertreten.

    Z.B. Robert Brandon definiert ja meines Wissens Argumentieren auch in diesem Sinne als Tausch von Argumenten, das finde ich zwar falsch, da verstehe ich Kommunikation anders, aber insbesondere den Hinweis:

    “Aber wer in einer andern terminologischen Tradition (etwa in jener der Frankfurter Schule) wissenschaftlich sozialisiert worden ist, sollte seine eigene terminologische Betriebsblindheit auch in Rechnung stellen, bevor er andern “dogmatisches Schnarchen” diagnostiziert.”

    nehme ich sehr ernst und ziehe mir den Schuh somit auch an. Bin zwar nur zum Teil darin sozialisiert, macht ja nix.

    Nichtdestotrotz: Das Denken in Dualismen ist meiner Ansicht nach schon vermeidbar. Das schleicht sich dann gerne so ein kleiner Hegel ein und diskutiert implizit mit … die Ja/Nein-Stellungnahme ist ja kein ontologisches oder erkenntnistheoretisches Ordnungs-Prinzip, sondern eine Stellungnahme zu Sätzen, somit eine Reaktion auf Erkenntnisweisen.

    Und die Frage nach der Chancengleichheit: Den Begriff hatten Sie ja in einer ablehnenden Haltung gegenüber den US-Liberals wie z.B. Rawls in die Debatte eingeführt, das würde jetzt aber zu weit führen, diese Diskussion in der Kommentarfunktion eines Blog mal eben so aufzunehmen. Das ist dann wohl das Feld, wo Christian Schenkel zuzustimmen ist: Es bleibt spannend!

    Wobei’s mir nicht darum geht, meine Werte/Identität oder gar Ideologie zu wahren, sondern dazuzulernen. Und da bin ich bei Ihnen zumindest nicht an den Falschen geraten ;-)

    Mit freundlichem Gruß,

    MomoRules

     

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