Wie eine Disziplin sich überflüssig macht
Ich bekenne freimütig: Ich bin mit grosser Begeisterung Ökonom. Die Ökonomie ist meines Erachtens die Königsdisziplin der Sozialwissenschaften, weil sie wie keine andere das tatsächliche Verhalten der Menschen erklärt. Und doch zeigt gerade die Finanzkrise, wie sich die moderne ökonomische Forschung ins Abseits bewegt, indem sie sich in mathematischen Modellspielereien verliert, indem sie die Erkenntnisse der Klassiker verdrängt, und indem sie - im wahrsten Sinne des Wortes - den Wald vor Bäumen nicht mehr erkennt.
So berichtet das Handelsblatt nun:
Ein Forscherteam der US-Eliteuniversitäten Berkeley und Chicago kommt in einer neuen Studie zu dem Schluss: Der Kollaps der Wirtschaft war die Quittung dafür, dass die Amerikaner drei Jahrzehnte lang massiv über ihre Verhältnisse gelebt haben. Bislang galt unter Ökonomen die gigantische Spekulationsblase auf dem US-Immobilienmarkt als Kernursache der Krise. Die neue Studie aus Berkeley und Chicago legt nun eine andere Wirkungskette nahe: An erster Stelle stehen die hohen Schulden der US-Bürger, diese haben die Hauspreis-Blase angefeuert und schließlich die Krise ausgelöst. Die fundamentale Ursache des Abschwungs ist nach Angaben der Forscher, dass die US-Bürger überschuldet waren und ihren Lebensstil nicht mehr fortsetzen konnten.
Ernsthaft? Die Überschuldung der US Haushalte als Ursache der Finanzblase soll eine neue Erkenntnis sein? Ist eine solche Meldung an Peinlichkeit noch zu überbieten?
Nun bleibt abzuwarten, wann die Forscher der “Eliteuniversitäten” auch noch entdecken, dass die Überschuldung der Haushalte etwas mit der staatlichen Geldpolitik zu tun hat. Wie wir nämlich längst wissen, setzt die Politik des billigen Geldes (welche seit der Finanzkrise in radikalerer Form denn je betrieben wird!) handfeste Anreize, zu “entsparen”, also Schulden zu sammeln, statt Ersparnisse. Künstlich tiefe Zinsen machen Sparen unattraktiv, die Aufnahme von Krediten dagegen umso attraktiver.
Im Bereich der Hedge und Private Equity Fonds entstanden - der staatlichen Geldpolitik sei Dank - ganze Geschäftszweige, die von der günstigen Aufnahme enormer Kredite lebten. Wenn die staatlichen Geldmonopolisten die Zinsen drücken, dann ist die Verschuldung schlicht die rationalste Reaktion. Völlig jenseits vermeintlich irrationaler “Animal Spirits“.
Bringen wir es also auf den Punkt: Die staatliche Politik des billigen Geldes führt zu einer zunehmenden Verschuldung der Wirtschaftsakteure. Die so erzeugte Liquiditätsschwemme führt zu Fehlallokationen von Kapital, also Spekulationsblasen. Auf das Platzen solcher Blasen folgen notwendige Bereinigungen der Fehlinvestitionen, also eine Rezession. Es sei denn, der Staat greift durch weiteres billiges Geld ein und “rettet” die Wirtschaft, indem sie die Liquiditäts- und Verschuldungsspirale wieder in Gang bringt. (Ja, es gibt tatsächlich Ökonomen, die dies für eine “Rettung” halten.)
Wenn also die geschätzten Nachdenker (”Vordenker” wäre ja offensichtlich der falsche Begriff) der ökonomischen Zunft diese Zusammenhänge endlich “erkannt” haben, werden wir uns endlich wieder auf dem Erkenntnisstand von ca. 1920 befinden. Es steht zu befürchten, dass ein Grossteil der ökonomischen Forschung seitdem als unbrauchbarer Ramsch bezeichnet werden muss. Oder aber als ein peinlicher, verzögerter Nachvollzug längst bekannter Tatsachen, wie im Falle der “Eliteökonomen” aus Berkeley und Chicago…
PS: Als kleine Abkürzung auf dem unvermeidlichen Weg der Erkenntnis sei den Kollegen schlicht die Lektüre dieses Büchleins empfohlen
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