Archiv April, 2010

Wie eine Disziplin sich überflüssig macht

Ich bekenne freimütig: Ich bin mit grosser Begeisterung Ökonom. Die Ökonomie ist meines Erachtens die Königsdisziplin der Sozialwissenschaften, weil sie wie keine andere das tatsächliche Verhalten der Menschen erklärt. Und doch zeigt gerade die Finanzkrise, wie sich die moderne ökonomische Forschung ins Abseits bewegt, indem sie sich in mathematischen Modellspielereien verliert, indem sie die Erkenntnisse der Klassiker verdrängt, und indem sie - im wahrsten Sinne des Wortes - den Wald vor Bäumen nicht mehr erkennt.

So berichtet das Handelsblatt nun:

Ein Forscherteam der US-Eliteuniversitäten Berkeley und Chicago kommt in einer neuen Studie zu dem Schluss: Der Kollaps der Wirtschaft war die Quittung dafür, dass die Amerikaner drei Jahrzehnte lang massiv über ihre Verhältnisse gelebt haben. Bislang galt unter Ökonomen die gigantische Spekulationsblase auf dem US-Immobilienmarkt als Kernursache der Krise. Die neue Studie aus Berkeley und Chicago legt nun eine andere Wirkungskette nahe: An erster Stelle stehen die hohen Schulden der US-Bürger, diese haben die Hauspreis-Blase angefeuert und schließlich die Krise ausgelöst. Die fundamentale Ursache des Abschwungs ist nach Angaben der Forscher, dass die US-Bürger überschuldet waren und ihren Lebensstil nicht mehr fortsetzen konnten.

Ernsthaft? Die Überschuldung der US Haushalte als Ursache der Finanzblase soll eine neue Erkenntnis sein? Ist eine solche Meldung an Peinlichkeit noch zu überbieten?

Nun bleibt abzuwarten, wann die Forscher der “Eliteuniversitäten” auch noch entdecken, dass die Überschuldung der Haushalte etwas mit der staatlichen Geldpolitik zu tun hat. Wie wir nämlich längst wissen, setzt die Politik des billigen Geldes (welche seit der Finanzkrise in radikalerer Form denn je betrieben wird!) handfeste Anreize, zu “entsparen”, also Schulden zu sammeln, statt Ersparnisse. Künstlich tiefe Zinsen machen Sparen unattraktiv, die Aufnahme von Krediten dagegen umso attraktiver.

Im Bereich der Hedge und Private Equity Fonds entstanden - der staatlichen Geldpolitik sei Dank - ganze Geschäftszweige, die von der günstigen Aufnahme enormer Kredite lebten. Wenn die staatlichen Geldmonopolisten die Zinsen drücken, dann ist die Verschuldung schlicht die rationalste Reaktion. Völlig jenseits vermeintlich irrationaler “Animal Spirits“.

Bringen wir es also auf den Punkt: Die staatliche Politik des billigen Geldes führt zu einer zunehmenden Verschuldung der Wirtschaftsakteure. Die so erzeugte Liquiditätsschwemme führt zu Fehlallokationen von Kapital, also Spekulationsblasen. Auf das Platzen solcher Blasen folgen notwendige Bereinigungen der Fehlinvestitionen, also eine Rezession. Es sei denn, der Staat greift durch weiteres billiges Geld ein und “rettet” die Wirtschaft, indem sie die Liquiditäts- und Verschuldungsspirale wieder in Gang bringt. (Ja, es gibt tatsächlich Ökonomen, die dies für eine “Rettung” halten.)

Wenn also die geschätzten Nachdenker (”Vordenker” wäre ja offensichtlich der falsche Begriff) der ökonomischen Zunft diese Zusammenhänge endlich “erkannt” haben, werden wir uns endlich wieder auf dem Erkenntnisstand von ca. 1920 befinden. Es steht zu befürchten, dass ein Grossteil der ökonomischen Forschung seitdem als unbrauchbarer Ramsch bezeichnet werden muss. Oder aber als ein peinlicher, verzögerter Nachvollzug längst bekannter Tatsachen, wie im Falle der “Eliteökonomen” aus Berkeley und Chicago…

PS: Als kleine Abkürzung auf dem unvermeidlichen Weg der Erkenntnis sei den Kollegen schlicht die Lektüre dieses Büchleins empfohlen ;-)

Organspende vs. Organhandel

Häufig hört man von Markt-Skeptikern die Aussage, ein Objekt sei besonders wertvoll oder wichtig und könne darum “nicht dem Markt überlassen” werden. Offensichtlich ist genau das Gegenteil richtig: Wenn ein Objekt besonders wertvoll oder wichtig ist, ist es umso dringlicher, dessen wahren Wert - oder auch dessen wahre Knappheit - abzubilden. Und genau dies vermag nur das freie Spiel von Angebot und Nachfrage, also der Markt.

Diese Feststellung gilt für lebensnotwendige Güter, wie etwa das Wasser, ebenso, wie für besonders bedeutungsvolle Dienstleistungen, wie etwa die Bildung. Erkennt man etwa das Wasser oder die Bildung als wertvolles Gut, so ist es umso wichtiger, durch einen angemessenen Preis einen effizienten und nachhaltigen Umgang mit diesem Gut sicherzustellen. Überlässt man die Allokation dagegen der Politik, so werden die genannten Güter der politischen Willkür, schwankenden Mehrheitsmeinungen, politischen Kalkulationen, Absprachen und der üblichen Privilegienreiterei überlassen. Ein sicheres Rezept für die Verzerrung angemessener Preise, für Verschwendung und Unterversorgung zugleich.

Ein knappes Gut, das besonders hartnäckig einer angemessenen Preisbildung entzogen wird, sind menschliche Organe. Das Handelsblatt beschreibt die Folgen dieses Fehlers:

Fünf bis sechs Jahre muss sich ein Nierenkranker in Deutschland laut Stiftung für Organtransplantation gedulden, bis er eine Spenderniere bekommt. Fast 11 000 Deutsche warten auf eine neue Niere, 2 500 auf eine neue Leber. Für 1 000 Patienten pro Jahr kommt das Organ zu spät - sie sterben innerhalb der Wartezeit. Ohne den grenzüberschreitenden Austausch von Spenderorganen wäre die Zahl noch höher: Jahr für Jahr bekommt Deutschland aus den Nachbarländern mehr Spenderorgane, als es abgibt.

Dabei liegt die Lösung für dieses nicht nur lebensbedrohliche, sondern tatsächlich lebensvernichtende Problem auf der Hand: Die Bildung angemessener Preise durch einen Markt für Organe. Zwei Ökonomen gehen dieses Tabu frontal an:

Für Ökonomen wie Breyer liegt die Lösung auf der Hand: Eine zu große Nachfrage trifft auf ein zu kleines Angebot - weil die staatliche Regulierung das Angebot künstlich verknappe. Die Spender müssten gebührend entlohnt werden, dann würde auch das Angebot an Organen steigen. Der Bayreuther Ökonom Peter Oberender zum Beispiel schlägt einen Handel wie an einer Wertpapierbörse vor.

Eine Form der nicht-monetären Tauschbörse etabliert sich bereits heute in den USA:

Wegen all dieser Probleme propagiert Harvard-Ökonom Roth einen dritten Weg: Er macht den Markt für Organspenden effizienter, ohne auf den Preismechanismus zu setzen. Freunde und Verwandte eines Nierenkranken würden oft gerne ein Organ spenden, doch der Körper des Patienten würde diese abstoßen. Roth hat einen Mechanismus entwickelt, inkompatible Paare zu vernetzen - es entsteht ein Tauschring, durch den das Angebot steigt. Denn die Wahrscheinlichkeit, ein passendes Spenderorgan zu finden, steigt erheblich.

Natürlich sind Naturaltausch-Systeme immer weniger effizient, als geldbasierte. Gleiches mit gleichem tauschen zu müssen, statt auf das Wertaufbewahrungsmittel Geld ausweichen zu können, reduziert die Wahrscheinlichkeit, Angebot und Nachfrage zu einem Ausgleich zu bringen. Daher werden wohl weiterhin Menschen sterben müssen, weil gewisse Kreise die monetäre Bewertung eines wertvollen Gutes zu einem Tabu erklären. Nur ein weiteres Beispiel für die Unmoral antikapitalistischer Moralisten.