Archiv Januar, 2010

Hayek vs Keynes

Linke und rechte Irrtümer

Als Liberaler muss man nüchtern feststellen: Ein Grossteil unserer Mitmenschen bewegt sich im linken oder rechten Feld des politischen Spektrums. Weil konservative oder sozialdemokratische Denkfehler simpel, populär und traditionsreich sind, werden sie mit Freude und Entschiedenheit geteilt. So sieht der eine Teil der Gesellschaft den Staat beauftragt, für Moral, Sicherheit, Sauberkeit und Ordnung zu sorgen, während der andere Teil dem Staat die Verantwortung dafür geben möchte, Gleichheit, Wohlfahrt, Gesundheit und Gerechtigkeit zu gewährleisten. Natürlich widersprechen sich die beiden Flügel des politischen Spektrums hier 100% - einig sind sie sich nur in ihrem Grundvertrauen in die heilsame Wirkung des Staates, und sorgen so gemeinsam für dessen ständiges Wachstum.

Wie schwierig demgegenüber die Position des Liberalismus ist, die konsequente Verteidigung der individuellen Freiheit, zeigt recht anschaulich das Thema der Diskriminierung von gesellschaftlichen Minderheiten. Konservative reden sich hier schlicht ein, dass dieses Phänomen nicht (oder nicht mehr) existiert, damit sie sich nicht damit auseinandersetzen und ihr liebgewonnenes Weltbild nicht in Frage stellen müssen. Linke erkennen und problematisieren dagegen das Phänomen - und rufen nach Vater Staat, um es zu beheben (etwa durch so genannte “Antidiskriminierungsgesetze“).

Liberale sind dagegen in der Lage, die Diskriminierung gesellschaftlicher Minderheiten zu erkennen und problematisieren. Sie wissen jedoch auch, dass nur der konsequente Respekt vor den gleichen Rechten aller Individuen in der Lage ist, Abhilfe zu schaffen. Antidiskriminierungsgesetze stellen eine Art Brecheisen dar - sie verletzen die Rechte mancher Individuen, um damit eine vermeintliche Verbesserung zu erzwingen, und schaffen so doch nur neue Probleme (das übrigens ein Grundproblem des Etatismus).

Linke wie rechte Etatisten haben in der Regel kein Verständnis für dieses Vertrauen oder diesen Optimismus der Liberalen. Sie ziehen der unsichtbaren Hand des Marktes die sichtbare Hand des Staates vor, ganz gleich wieviel Schaden diese anrichtet. Immerhin ist sie sichtbar, sie bietet “instant gratification“. Der Markt, die freie Interaktion souveräner Individuen braucht dagegen manchmal etwas länger, er ist komplex und geprägt von mittel- bis langfristigen Wirkungen. Aber er funktioniert. Ein schönes Beispiel dafür ist eben genau das Phänomen der Diskriminierung.

Wie das Handelsblatt berichtet, zeigen mehrere Studien, dass die (tatsächlich nach wie vor verbreitete) Diskriminierung eines Arbeitgebers gegen gesellschaftliche Minderheiten letztlich vor allem ihm selbst schadet. Mehr Offenheit und Gleichberechtigung trägt dagegen zum Erfolg eines Unternehmens bei:

Beckers These, dass mehr Wettbewerb die Lohnlücke schließt, konnte mehrfach bestätigt werden: Je marktfreundlicher die Wirtschaft eines Landes, desto kleiner die Unterschiede im Geldbeutel – das gilt sowohl im Vergleich ethnischer Gruppen als auch im Verhältnis von Männern und Frauen.

Darum gilt: ein Problem zu erkennen (Rechte!) heisst noch lange nicht, nach einem harten Durchgreifen des Staates zu rufen (Linke!). Bleibt nur die Frage, wie Liberale diese Erkenntnis ihren - sagen wir mal - “denkbequemen” Mitbürgern wirksam beibringen können? ;-)

Macht macht unmoralisch

Eine neue Studie ging der Frage nach, wieso so viele Politiker mit zweierlei Mass messen. Einerseits einen kleineren Staat und Familienwerte proklamieren, andererseits auf Staatskosten mit Geliebten in die Ferien fliegen. Für mich ist die Antwort eh klar: weil sie die Macht dazu haben. Und in der Regel Arschlöcher sind. Aber netterweise wird das nun wissenschaftlich bestätigt (Studie ist noch nicht veröffentlicht, habe keine Ahnung, ob sie wirklich wissenschaftlich ist, aber ich will halt auch nur meinen bias bestätigt bekommen.) Bei der Studie wurden die Teilnehmer in zwei Gruppen eingeteilt: Sie waren entweder Premierminister oder normaler Bürokrat.

Five experiments followed in which researchers examined the impact of power on the moral hypocrisy of the participants. They found a consistent and alarming outcome:  those assigned to the ‘high-power’ group repeatedly condemned moral failures of others while committing unethical acts themselves. In one experiment, high-power participants were asked for their positions on cheating and over-reporting travel expenses, both of which they flatly condemned.  They and the low-power group were then asked to play a dice game alone, in a private cubicle, to win lottery tickets. The powerful reported significantly higher lottery winnings than the low-power group, even though both groups had the same odds of winning. 

Aber nur diejenigen, die ihre Macht auch für legitim ansahen verhielten sich scheinheilig. Diejenigen, die an ihrer Machtposition zweifelten, stellten die höchsten moralischen Anforderungen an sich selbst.
Schlussfolgerung der Forscher:

“Ultimately, patterns of hypocrisy and hypercrisy perpetuate social inequality. The powerful impose rules and restraints on others while disregarding these restraints for themselves, whereas the powerless collaborate in reproducing social inequality because they don’t feel the same entitlement,” 

Via:  Neuronarrative

Demokratie vs. Freiheit

Beim “Magazin” findet sich eine interessante Rezension des nicht mehr ganz neuen Buchs “Die Zukunft der Freiheit” von Fareed Zakaria. Darin werden einige Punkte aufgegriffen, die auch hier bereits im Rahmen der Minarettinitiative erörtert wurden:

Die Grundthese lautet: Demokratie ist nicht gleich Freiheit. Politische Freiheit hat einen doppelten Sockel. Einerseits setzt sie in der Tat eine demokratische Staatsform, also faire Wahlen unter Beteiligung aller Bürgerinnen und Bürger voraus. Andererseits ist Freiheit aber angewiesen auf den Verfassungsstaat, das heisst auf eine unverbrüchliche rechtsstaatliche Kultur. Rechtsstaatlichkeit, sagt Zakaria, ist sogar noch wichtiger als demokratische Partizipation. In einem autoritären Regime, das sich an eine Verfassung hält — wie etwa das heutige Singapur —, sind zwar die politischen Rechte der Bürger beschnitten, aber es ist ein relativ sicheres, relativ freies Leben möglich. In einem Regime, das sich durch Volkswahl legitimiert, aber autoritäre Tendenzen hat — wie in je unterschiedlichem Mass das heutige Russland, Venezuela oder Usbekistan —, ist es um Grundrechte, Eigentumsschutz und Meinungsfreiheit nicht gut bestellt.

Ich teile zwar überhaupt nicht die Schlussfolgerung des Autors (die Notwendigkeit einer Elitenherrschaft), dennoch ein lesenswerter Beitrag zur Zwiespältigkeit und auch Gefährlichkeit einer enthemmten Demokratie.

Unmoralisch oder innovativ?

Wie lieben es doch die Marktverächter, auf die vermeintlich mangelnde Moral des freien Marktes einzuprügeln. Bis hinein in liberale Gefilde reichen jene Kritiker, die den Markt für eine un- oder gar amoralische Veranstaltung halten. Weil der Mensch zu Bösem fähig ist, kann eine soziale Institution nicht gut sein, die dem Menschen seine Freiheit lässt. So oder ähnlich die Denke der kulturkonservativen Mahner.

Umso frecher dieser schöne Artikel des nach Australien emigrierten deutschen Liberalen Oliver Marc Hartwich - ein Lob auf den Markt für Pornographie:

Thank God for the porn industry. The seemingly questionable industry does not care about morality, but is nevertheless a constant source of innovation and social improvement. (…)

Porn producers couldn’t care less whether they were doing a service to society as long as they can line their pockets. Yet when you look at porn’s track record, it has always been at the forefront of technological change. The development of video tapes and DVDs probably owes as much to the demand for sex movies as it does to less raunchy sorts of entertainment.

The internet is another case in point. With some justification, sexual needs could be called the mother of the web’s invention. Without streaming videos of screaming porn stars, bandwidth would not have been added so fast to the global net. Online learning, iTunes and WebTV later benefited from an infrastructure that had been erected for something completely different.

Die Publizisten Maxeiner und Miersch nannten diese Eigenschaft des Marktes mal das “Mephisto-Prinzip” - im Rahmen des Marktes tun auch solche Teilnehmer oft Gutes, die dies gar nicht beabsichtigen. Hartwich schreibt:

Good intentions pave the way to hell, but that’s only half the truth. Even more astonishing is that selfish, dubious and even plainly evil plans often pave the way to a better future.

Warum ist das so? Ganz einfach weil der Markt knappe Ressourcen ihrer effizientesten Verwendung zuführt. Und weil auf dem Markt nur der erfolgreich ist, der die Wünsche und Bedürfnisse der Anderen am besten erfüllt.

Warum der Markt auch sonst eine moralische Veranstaltung ist, beschreibt hier Pierre Bessard.

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