Hoppla
Da verlass ich mal für zwei Tage die Schweiz, und schon wird hierzulande die Religionsfreiheit bachab geschickt. Wenn man nicht ständig aufpasst…
Aber ernsthaft, ein wenig seltsam ist mir bei der Betrachtung des heutigen Abstimmungsergebnisses schon zumute. Ich vermute, dass viele Zeitgenossen die Minarett-Initiative ursprünglich instinktiv abgelehnt hatten, wie ich auch - aber wer konnte schon die Energie aufbringen, sie tatsächlich zu bekämpfen? Selbst führende Köpfe der SVP raunten mir unter dem Mantel der Verschwiegenheit zu, dass die Initiative “natürlich” keine Chance habe. Und nicht zuletzt: Wer mag sich schon für den Bau von Minaretten einsetzen? Ja, der Islam ist eine Religion mit drastischen Imageproblemen im Westen.
Manch einer feiert das Ergebnis nun als Triumph der Demokratie - haben sich doch die Befürworter gegen eine überwältigende Ablehnungsfront im politischen Establishment durchgesetzt. Doch ist ein solcher “Triumph” wirklich zu begrüssen? Hier stellt sich für mich einmal mehr die Frage, wo die Grenzen der Demokratie zu ziehen sind: Betrachtet man die Religionsfreiheit als unveräusserliches Menschenrecht, so kann diese selbstverständlich nicht zur Disposition der Demokratie gestellt werden.
Genau genommen ist hier die Minarett-Initiative sogar ein Musterbeispiel, das noch Generationen von Politikwissenschaft- und Jus-Studenten zu beackern haben werden: Ganz offensichtlich handelte es sich beim angestrebten Verbot von Minaretten um einen populistischen Akt der Symbolpolitik. Die Argumente der Initiativ-Befürworter richteten sich in Wahrheit gegen die mangelnde Integration muslimischer Einwanderer, gegen Ausländerkriminalität oder gar gegen Einwanderung per se. Das Minarett symbolisierte für zahlreiche Bürger nur eine allgemeine, diffuse Unzufriedenheit mit der aktuellen Einwanderungspolitik. Wie irrational diese ist, zeigt die Tatsache, dass der Grossteil der medial problematisierten Einwanderung überhaupt nicht aus islamischen Ländern stammt, sondern aus der EU.
Bei der Minarett-Initiative ging es also um Stimmungen, um Protest, um Bauchgefühl. Und genau das ist der Punkt, an dem ich immer wieder betone: Ich bin Liberaler, nicht Demokrat. Die Demokratie ist eine hundsgefährliche Staatsordnung! Sie ist überhaupt nur dann erträglich, wenn sie beschnitten, gefesselt und beschränkt wird - durch gesicherte Grundrechte, Gewaltenteilung, Föderalismus. Es lohnt sich daher auch immer wieder zu betonen, dass wir nicht einfach in einer Demokratie leben, sondern in einer “liberalen Demokratie” - also einer bewusst beschränkten und kontrollierten Demokratie. Locke und Montesquieu sind die Vordenker unserer Staatsform, nicht Rousseau. Denn so zivilisiert und mitfühlend die Menschen im individuellen, freien Austausch sind, so enthemmt und rücksichtlos sind sie in der Anonymität der Masse. Im Mob wird der Mensch zum Tier. Und die Demokratie als Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit lebt nun mal von der Mobilisierung der Masse, von der Begeisterung des Mobs. Wie gesagt: Hundsgefährlich.
Wurde nun aber mit der Minarett-Initiative die Religionsfreiheit berührt? Wäre dies der Fall, hätte sie eben nie zur Abstimmung kommen dürfen. Individuelle Grundrechte dürfen niemals zur Disposition einer “Mehrheit” gestellt werden. Die Initiativ-Befürworter sahen dies anders, die Religionsfreiheit wurde nach ihrer Meinung nicht berührt, da schliesslich der Bau von Moscheen ohne Minarett nicht eingeschränkt werden sollte. Ist dies eine zulässige Differenzierung? In einem Land, in dem jede Dorfmitte selbstverständlich einen Kirchturm aufweist? Ich bin nicht überzeugt. Es bleibt Unbehagen.
Als Liberaler bin ich selbstverständlich noch aus einem anderen Grund unzufrieden mit dem heutigen Abstimmungsergebnis: Selbst wenn es nicht um den Bau eines religiösen Symbols ginge, sondern lediglich um die Baugenehmigung eines profanen Türmchens - ist es ernsthaft die Aufgabe des Bundes, hier regulatorisch einzuschreiten? In einer liberalen Gesellschaftsordnung darf jeder Menschen mit seinem Eigentum tun und lassen, was ihm beliebt - das ist der Kern, die Substanz der Freiheit. Wenn ich nun also auf meinem legitim erworbenen Grundstück ein Türmchen bauen will, welches keine Giftgase ausspuckt oder das Eigentum meiner Nachbarn anderweitig beeinträchtigt (etwa durch Schattenwurf), dann habe ich selbstverständlich ein Recht dazu. Die Annahme der Minarett-Initiative ist also schon deshalb ärgerlich, weil sie gegen das Eigentumsrecht verstösst.
So oder so ist sie somit eine Niederlage für den Liberalismus in der schönen Schweiz. Wie unschweizerisch.
Comments(46)
“Im Jahr 2008 stand das internationale Finanzsystem vor einem Zusammenbruch. Wie konnte das passieren? Die Politik kennt nur einen Sündenbock: die Gier und Irrationalität des entfesselten Kapitalismus. Aus diesem Denken heraus brechen Regierungen weltweit in einen spektakulären Aktionismus aus — Billionensummen werden mobilisiert, um Banken zu verstaatlichen und Industrieunternehmen zu stützen. Die Zentralbanken öffnen ihre Geldschleusen weiter denn je. Doch ohne ein fundiertes Verständnis der Finanzkrise drohen vorschnelle Reaktionen nur weiteren Schaden anzurichten.