Wirtschaftspolitik innen & aussen
Morgen vor einer Woche hat in Zürich die avenir suisse - Tagung Aussenwirtschaftspolitik zwischen Wunsch & Wirklichkeit stattgefunden. Möglicherweise als Schweizer Première war erstmals ein weblog offiziell als Medium akkreditiert, nämlich freilich.ch. Und doch kommt yours truly erst jetzt dazu, den Beitrag zu schreiben - Schande!
Bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war Aussenwirtschaftspolitik (AWP) eine exklusive Domäne konferenzerfahrener Spezialisten und Negotiatoren unter der Aegide des elitären BAWI. Mit der durch die europäische Integration zunehmenden Verschränkung von Innen- und Aussenpolitik und dem fundamentalen Wandel im Welthandel ist das anders geworden: Die fast schockartige Erweiterung des Arbeitskräfteangebots um 28% der Weltbevölkerung und der massive Zugewinn des Handels zwischen Schwellenländern auf über 50% des Welthandels können nicht ohne Folgen bleiben. Es ist wohl ein Zeichen der Professionalität der Referenten, dass sich ihre Kritik im wesentlichen darauf beschränkt, dass sie den Verlust der strategischen Dimension in der aussenwirtschaftlichen Tagespolitik feststellen.
Besonders interessant fand ich eine Studie, die die volkswirtschaftlichen Kosten unserer Grenzen beziffert. Eindrücklich: Jeder Franken Zolleinnahmen des Staates verursacht unserer Volkswirtschaft 4 Franken Kosten. Effizient? Die Podiumsdiskussion des Morgens hat sich denn auch wesentlich um die Evaluation einer Zollunion Schweiz / EU gedreht. Die “pragmatische” (lies: an den Interessen ihrer Mitglieder orientierte) Position der economiesuisse konnte dabei nicht wirklich überzeugen: Wozu auf der awp Handlungsfähigkeit beharren, wenn diese doch strategisch gar nicht genutzt wird (siehe Freihandelsabkommen CH / USA)?
Der Nachmittag stand im Zeichen der Vision Hummler von der Schweiz als globalem, urbanem Schmelztiegel analog zu New York, Hong Kong, London oder Singapur. Mit Hilfe dieses Szenariums wurde der Wandel der AWP zur globalen Standortpolitik konkretisiert, auf welchen sich Prof. Hauser in seinem Einführungsreferat ebenfalls bezogen hat: Neu müsse es im wesentlichen darum gehen, mit einer offensiven Standortpolitik attraktiv für mobiles Kapital und Fachkräfte zu sein. Die wichtigste (innenpolitischen) Politikbereiche in diesem Zusammenhang sind natürlich Steuerpolitik und Migrationspolitik sowie Infrastruktur & Dienstleistungen.
Aus den Diskussionen wurde überdeutlich, wie stark sich die Innenpolitik von den Anforderungen globaler Wettbewerbsfähigkeit zu entkoppeln droht. Natürlich steht es der Politik frei, diese Entkoppelung zu wollen - die Rechnung kommt aber ohne Zweifel. Ob sich die Gemeindepolitiker dessen bewusst sind, die ihre Gemeinden zur GATS-freien Zone machen wollen? Ich zweifle daran - im Falle Genfs z.B. zeugt dies von geradezu skandalöser Inkonsequenz, um nicht zu sagen Doppelzüngigkeit. Analog zu den beliebten Gemeinden Europas müssten wir nun wohl eine Aktion starten, in deren Rahmen sich Gemeinden als Gemeinde des Welthandels deklarieren können. Wer macht mit?
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