Luege, lose, laufe
Oder der Weg in die unsichtbare Knechtschaft II
Meinen ersten Kontakt mit dem Gesetz und dessen Vertretern hatte ich als Vier- oder Fünfjährige im Kindergarten. Ein netter Polizist nahm uns an eine Strasse mit und erläuterte uns das richtige Verhalten im Verkehr. Dies, nachdem wir alle schon seit einem Jahr selbstständig in den Kindergarten gelaufen waren.
Er erklärte uns, dass wir am Fussgängerstreifen immer “warte, luege, lose, laufe” sollten, was mich in tiefe Verzweiflung stürzte, da ich schon immer unfähig war, irgendetwas auswendig zu lernen. Nicht etwa, weil ich besonders rebellisch war, sondern ganz im Gegenteil, weil ich, so wie es mir von Kleinauf eingebläut worden war, besonders gut machen wollte, was die Autorität mir vorschreibt, fragte ich ihn, wieso luege vor lose käme und nicht umgekehrt. Er müsse mir das erklären, ich könne es mir sonst nicht merken. Der Polizist antwortete, das sei halt so, weil man dadurch den Spruch besser auswendig lernen könne. Was mich ehrlichgesagt sofort total zum Ausrasten brachte. Ich begann zu weinen und brüllte ihn an, er sei unlogisch, weil ich ihm doch gerade gesagt hätte, dass ich das ohne Erklärung nicht könne. Worauf ich von der Kindergärtnerin nach Hause geschickt wurde. Alleine, ohne den sicherheitsspenden magischen Spruch zu kennen und nicht gerade im emotional gefestigsten Zustand. Zu Hause wurde ich dann gezwungen, mich bei der Kindergärtnerin und dem Polizisten zu entschuldigen, da ich im Unrecht sei. Was ich dann irgenwanneinmal auch zu glauben begann.
Ich brauchte mehr als zwanzig Jahre, um zu sehen, dass nicht ich der Vollidiot in der Geschichte bin. Wobei meine Eltern, meine Kindergärtnerin und der Polizist weiterhin das Gegenteil behaupten würden. Und sich diese kleine, eigentlich unwichtige Geschichte tagtäglich milliardenfach wiederholt.
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