Als Liberaler muss man nüchtern feststellen: Ein Grossteil unserer Mitmenschen bewegt sich im linken oder rechten Feld des politischen Spektrums. Weil konservative oder sozialdemokratische Denkfehler simpel, populär und traditionsreich sind, werden sie mit Freude und Entschiedenheit geteilt. So sieht der eine Teil der Gesellschaft den Staat beauftragt, für Moral, Sicherheit, Sauberkeit und Ordnung zu sorgen, während der andere Teil dem Staat die Verantwortung dafür geben möchte, Gleichheit, Wohlfahrt, Gesundheit und Gerechtigkeit zu gewährleisten. Natürlich widersprechen sich die beiden Flügel des politischen Spektrums hier 100% - einig sind sie sich nur in ihrem Grundvertrauen in die heilsame Wirkung des Staates, und sorgen so gemeinsam für dessen ständiges Wachstum.
Wie schwierig demgegenüber die Position des Liberalismus ist, die konsequente Verteidigung der individuellen Freiheit, zeigt recht anschaulich das Thema der Diskriminierung von gesellschaftlichen Minderheiten. Konservative reden sich hier schlicht ein, dass dieses Phänomen nicht (oder nicht mehr) existiert, damit sie sich nicht damit auseinandersetzen und ihr liebgewonnenes Weltbild nicht in Frage stellen müssen. Linke erkennen und problematisieren dagegen das Phänomen - und rufen nach Vater Staat, um es zu beheben (etwa durch so genannte “Antidiskriminierungsgesetze“).
Liberale sind dagegen in der Lage, die Diskriminierung gesellschaftlicher Minderheiten zu erkennen und problematisieren. Sie wissen jedoch auch, dass nur der konsequente Respekt vor den gleichen Rechten aller Individuen in der Lage ist, Abhilfe zu schaffen. Antidiskriminierungsgesetze stellen eine Art Brecheisen dar - sie verletzen die Rechte mancher Individuen, um damit eine vermeintliche Verbesserung zu erzwingen, und schaffen so doch nur neue Probleme (das übrigens ein Grundproblem des Etatismus).
Linke wie rechte Etatisten haben in der Regel kein Verständnis für dieses Vertrauen oder diesen Optimismus der Liberalen. Sie ziehen der unsichtbaren Hand des Marktes die sichtbare Hand des Staates vor, ganz gleich wieviel Schaden diese anrichtet. Immerhin ist sie sichtbar, sie bietet “instant gratification“. Der Markt, die freie Interaktion souveräner Individuen braucht dagegen manchmal etwas länger, er ist komplex und geprägt von mittel- bis langfristigen Wirkungen. Aber er funktioniert. Ein schönes Beispiel dafür ist eben genau das Phänomen der Diskriminierung.
Wie das Handelsblatt berichtet, zeigen mehrere Studien, dass die (tatsächlich nach wie vor verbreitete) Diskriminierung eines Arbeitgebers gegen gesellschaftliche Minderheiten letztlich vor allem ihm selbst schadet. Mehr Offenheit und Gleichberechtigung trägt dagegen zum Erfolg eines Unternehmens bei:
Beckers These, dass mehr Wettbewerb die Lohnlücke schließt, konnte mehrfach bestätigt werden: Je marktfreundlicher die Wirtschaft eines Landes, desto kleiner die Unterschiede im Geldbeutel – das gilt sowohl im Vergleich ethnischer Gruppen als auch im Verhältnis von Männern und Frauen.
Darum gilt: ein Problem zu erkennen (Rechte!) heisst noch lange nicht, nach einem harten Durchgreifen des Staates zu rufen (Linke!). Bleibt nur die Frage, wie Liberale diese Erkenntnis ihren - sagen wir mal - “denkbequemen” Mitbürgern wirksam beibringen können?